Mittwoch, 22. Juni 2011

Recherchen zu Sondermüll, Giften und Abfall - ASYS-Datenbank

Welche Wege nimmt der Giftmüll? Kaum bekannt: Bei der Recherche zu Entsorgern und Recyclern sind die Datenbanken im Internet von unschätzbarem Wert. Kaum bekannt, aber sehr hilfreich bei der Suche nach Umweltsündern sind offizielle Datenbanken.

Das bundesländerübergreifende Abfallüberwachungssystem (ASYS)

Gefährliche Abfälle, Sonderabfall müssen, eben weil sie gefährlich sind, speziell entsorgt werden. Die Kontrolle und Überwachung der Einhaltung der abfallrechtlichen Vorgaben zur Sonderabfallentsorgung sind Sache der Länder, Regierungsbezirke und so weiter. Diese sind inzwischen aber ähnlich überfordert von der Komplexität der Abfallwirtschaft wie der normalsterbliche Bürger.
Daher haben sie mit der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Abfall (LAGA) ein bundesweites Abfallüberwachungssystem ASYS entwickelt, das zur Überwachung gefährlicher Abfälle eingesetzt wird. ASYS wird in allen Bundesländern eingesetzt, jedoch jeweils in eigener Hoheit betrieben.

In ASYS werden Daten erfasst, zum Beispiel die Abfallbetriebe, die Art von Abfall, die sie produzieren, die Herkunft des Abfalls und der Weg, den er nimmt. Mit ASYS werden all diese vorher gesondert gesammelten Daten unter den Bundesländern ausgetauscht, können geprüft und ausgewertet werden. So haben die Behörden überhaupt eine Chance, die verschlungenen Pfade des Abfalls nachzuvollziehen - wenn auch bislang eben nur bundesweit, ein kleiner Schritt in einer Welt des globalen Abfallhandels.

Länder-Portale: Öffentliche Datenbanken zur Abfallwirtschaft
Landeseigene Internet-Portale wie AIDA in NRW sorgen dafür, dass die Öffentlichkeit weitgehenden Zugang zu ASYS hat. Einen Großteil der ASYS-Daten kann jeder nutzen. Manche Daten sind geschützt, weil es dabei um Geschäftsbeziehungen oder Betriebsgeheimnisse geht. Wer trotzdem an sie herankommen will, muss einen Antrag stellen, den die jeweilige Landes-Behörde genehmigen oder ablehnen kann.
In NRW ist die federführende Behörde das LANUV (Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen), in Mecklenburg-Vorpommern das LUNG (Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern). Grundsätzlich gilt: Die Beamten in den Behörden sind mindestens ebenso an Aufklärung interessiert wie jeder andere - und daher sehr hilfsbereit.

 

AIDA - Informationsplattform Abfall in NRW

Für die Recherche im Entsorgerdschungel kann AIDA vom Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) genutzt werden, da es auf die Datenbanken von ASYS zugreift. Über AIDA kann man recht genau ersehen, was, wieviel und wann eine Müllfirma bearbeitet hat und wohin die kritischen Stoffe dann gelangen. Oder welche Städte oder Regionen welchen Müll bekommen. AIDA informiert über Firmen, Standorte, Abfallarten In AIDA finden sich viele notwendige Infos über Stoffarten, genehmigte Anlagen und Verfahren und vor allem Stoff-Umsätze aus dem ASYS.
So werden die in ASYS gespeicherten Zahlen zu den transportierten Abfallmengen, die in Begleitscheinen der Abfalltransporte vermerkt sind, verknüpft mit Firmen oder Orten. Nicht ohne Grund spricht man von Anlagensteckbriefen, über die sich eine Menge zu einer Firma und ihr Abfallgebahren herausfinden lässt.

 

Welcher Abfall von wem wohin? Recherche mit AIDA

AIDA ist damit eine unerschöpfliche, allerdings auch nicht einfache und für den Laien oft unübersichtliche Quelle für die Recherche im Abfalldschungel. Die Vielfalt der Spielarten und Möglichkeiten des Abfallhandels ist für Laien kaum vorstellbar. Spätestens beim Kontakt mit ASYS und AIDA wird dem "Schnüffler" klar, wie komplex das Thema ist und vor welchen Schwierigkeiten engagierte "Abfallpolizisten" stehen.
Wer mit AIDA arbeiten möchte, sollte also etwas Einarbeitungszeit einplanen. Empfehlenswert ist ein anfangs zielloses Durchklicken durch die verzweigte Informationsstruktur, ohne sich durch die vielen Codenummern abschrecken zu lassen.

 

Beispiel: Infos zu Dortmunder PCB-SKandalfirma Envio

Hier als Beispiel die Firma Envio, die seit 2010 für einen Skandal um kriminellen Umgang mit einen der giftigsten Stoffe überhaupt, den PCB, sorgte.
Envio ist in AIDA mehrfach, als Betrieb und mit Betriebsstätten, vertreten. Gewöhnungsbedürftig ist die Terminologie: Envio ist in AIDA "Erzeuger", weil beim Trafo-Recycling giftiger Abfall, nämlich mit PCB- kontaminierte Reste anfallen (Envio in AIDA, eventuell über den Link "zu den "Anlageninformationen "weiterklicken, Screenshot unten). Über "Abfallmengen des Erzeugers" erfährt man Genaueres zum dem Abfall, die von Envio der Behörde gemeldet wurden, nach Arten aufgeschlüsselt und pro Jahr.

 

Wohin geht der PCB-Sondermüll?

Dies ist eine Liste mit den zur Verbrennung verschickten PCB-Resten. Sie werden von der Verbrennungsanlage oder dem Zwischenlager (Entsorger) an das ASYS gemeldet. Eine öffentlich einsehbare Liste der Empfänger der Abfallmengen, bei Envio also eine Liste mit den zur Verbrennung verschickten PCB-Resten, die vom "Verbrenner" an das ASYS gemeldet wurden, gibt es direkt nicht mehr. Aus Datenschutzgründen sind diese Informationen nicht öffentlich einsehbar.
Bei der Recherche Ende 2010 konnte man mit AIDA jedoch noch nachvollziehen, wohin die Envio-Abfälle geliefert wurden: bis auf wenige Kleinmengen gingen zumindest bis zum Jahr 2008 alle gemeldeten PCB-Mengen, die aus den Trafos und anderen Gegenständen wie Bekleidung oder Behältern ausgewaschen wurden, zur Verbrennung an die Bayer-Ausgründung CURRENTA (übrigens mit dem gleichen EfbV-Sachverständigen wie Envio). Wieviel PCB Envio tatsächlich umgesetzt hat, lässt sich aufgrund der offenbar unvollständigen Datenlage in ASYS nicht sagen, aber dass CURRENTA zumindest einen Teil bekommen hat, ist durch das ASYS-Meldeprinzip belegt.

 

Giftmüll: Abfallarten und Abfallwege

Aber auch jetzt bietet AIDA interessante Erkenntnisse an. Noch ein Beispiel für die verschlungenen Wege in AIDA - selber ausprobieren ist Trumpf! Im AIDA-Einstiegsbildschirm (Screenshot unten) taucht Envio auch über den Weg der Menüpunkte Auswertungen, Abfallmengen, erzeugt/entsorgt auf. In der linken Spalte sind die Zahlen anklickbar! Wer auf "1" (Herkunft nach Region) klickt, als Datenherkunft ASYS wählt kommt zu einer Tabelle, die die Herkunft und den Verbleib von Abfall für alle fünf Regierungsbezirke in NRW anzeigt. Unter dem Regierungsbezirk Arnsberg, Dortmund, werden die Produzenten (Erzeuger) gefährlicher Abfälle aufgelistet, nicht nur Envio, sondern beispielsweise auch die Metallhütte Bruch, der städtische Entsorger in Dortmund, die EDG, oder das Tiefbauamt (wegen der Teerreste, die beim Bau anfallen). Der Hauptteil der Tabelle widmet sich aber der Entsorgung, also dem Verbleib der Abfälle, der Frage, wohin denn die Abfälle gelangt sind. Wieder sind die Zahlen über den Bezirken und Städten klickbar …

Wie geschrieben: AIDA/ASYS ist unerschöpflich! Die Recherche in diesen Datenbanken ist etwas für echte Bluthunde, die nicht lockerlassen und sich vom Wust der Informationen nicht einschüchtern lassen.

In AIDA-Abfall-Datenbank: PCB-Recycler Envio aus Dortmund