Sonntag, 12. Juni 2011

Recherche zu Chemie, Gift, Müll: ein Krimi um Zertifizierungen

Schattenwirtschaft: Eine harmlose Internet-Recherche zu einem Zertifikat führt mitten in den düsteren, verfilzten Dschungel der Abfallwirtschaft und Chemie.

Der Anlass für die tiefere Recherche scheint harmlos. Es geht um Zertifizierungen.

 

Suche nach Umweltsündern

Wer Infos zu einer speziellen Firma möchte, zum Beispiel weil sie mit gefährlichen Stoffen umgeht oder umweltgefährdende Anlagen betreibt, wer dem Filz rund um Sondermüll und Entsorgungsbranche nachspüren möchte, kann von den Zertifikaten einzelner Firmen ausgehen. Sie sollen die Sauberkeit der Branche gewährleisten, sind aber bei näherem Hinschauen eher Dokumente der unheilvollen Verstrickung.

 

Was Zertifikate verraten

Was eine einfache Internetrecherche über die Verstrickung von Abfallwirtschaft, Zertifizierungs- und Beratungsunternehmen, Chemie, Schrott und so weiter zu Tage bringt: nicht nur Ungereimtheiten des Gültigkeitsdatums oder Zweifel an der Unabhängigkeit der zertifizierenden Organisationen oder Gutachter - wer den Tätigkeitsfeldern einzelner Sachverständiger nachforscht, reist in den allumspannenden Interessensnetzen der Entsorgung.

Beispiel: Dortmund, Envio, DQS, Entsorgungsfachbetriebs-Zertifizierung

Beispiel und Ausgangspunkt ist das in mehrfacher Hinsicht dubiose Zertifikat der Envio Recycling GmbH in Dortmund als Entsorgungsfachbetrieb (EfbV-Zertifikat). Envio ist Auslöser des größten PCB-Skandals der Bundesrepublik; 2010 wurde der Betrieb wegen gravierender Verstöße stillgelegt: Hochgiftige PCB, Dioxine und Furane gelangten in die Umwelt und verseuchten Mitarbeiter, weil die Anlagen und Arbeitsabläufe illegal betrieben wurden.
Trotzdem erhielt Envio ein EfbV-Zertifikat (siehe unten), das behördlich anerkannte Siegel für hervorrragendes Management, hohe Sicherheits-, Arbeitsschutz- und Umweltstandards in der Abfallwirtschaft. Die DQS setzte das Zertifikat von Envio erst einen Monat nach Betriebsstilllegung aus. Bei der Zertifizierung ist der verantwortliche Sachverständige zentral. Die Umstände bei Envio geben Anlass genug, sich dessen Arbeitsfelder einmal anzuschauen. Heraus kommt eine Reise durch die der PCB-Welt angeschlossene Wirtschaft.

 

Der Zertifizierungsdschungel

Auftraggeber bei der Envio-Zertifizierung ist die Zertifizierungsgesellschaft DQS. Die DQS wurde 1985 von einer Beratungsgesellschaft, der DGQ, gegründet. Gründungsmitglieder waren unter anderem auch der VDMA, VCI, HDB. Maschinenbau, Chemie und Bauindustrie - die Bereiche, die bei PCB eine große Rolle spielen, weil PCB von ihnen produziert wurde (Chemie, Bayer) oder - wie im Fall von Maschinenbau und Bauindustrie - weil PCB in ihren Anlagen, Maschinen, Trafos, in ihren Baustoffen, Kabeln usw. aufgrund ihrer hervorragenden Eigenschaften als Weichmacher, Schmiermittel, Imprägnierung, Flammschutz, Träger für Insektengifte verbaut waren und jetzt entsorgt werden müssen.
Laut Envio-Zertifikat (siehe unten) ist der verantwortliche Sachverständige Dr. Heinz-Theo Klinken. Dieser ist ausgewiesener Experte und Berater der O.K. Thiem Entsorgung - Chemikalien - Umwelt in Mönchengladbach. Aus dem Brancheneintrag der O.K. Thiem Entsorgung - Chemikalien - Umwelt lässt sich entnehmen, dass Klinken seit 1999 Auditleiter war; er war Produktionsleiter in der chemischen Fabrikation, hat Unterstützung bei Einführung von Umweltmanagementsystemen, Audits in BeNeLux und Osteuropa geleistet. Als Branchenerfahrung wird angegeben: "Chemie/Pharmazie/Maschinenbau (speziell), allg. Produktions- und Dienstleistungsbetriebe". Referenzen sind "Chemie-Betriebe, DQS, TÜV Akademie". Ein Sachverständiger, der sich also auskennen sollte.

 

Im Wendekreis der PCB: Über Klinken tauchen Currenta und Bayer auf

Neben der Envio-Zertifizierung sind weitere Zertifizierungen zum Entsorgungsfachbetrieb durch ihn im Internet aufzufinden: so die "Bayernmaterial science" und Chemion. Bayernmaterial science wird verwaltet von der CURRENTA GmbH & Co. OHG. Chemion ist "Spezialist für Gefahrgut-Handling", der frühere Zentralbereich Zentrale Logistik des Bayer-Konzerns, später eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der CURRENTA GmbH & Co. OHG, verwaltet von der Currenta GmbH (Zertifikate, siehe unten).
Die Currenta war andererseits Kunde der Envio Recycling GmbH: das heißt, sie nahm die PCB-Reste ab, die Envio den Alttrafos entnommen hatte. Currenta-Mutter Bayer wiederum war jahrzehntelang zusammen mit dem amerikanischen Chemie-Giganten Monsanto (mit auch heute mehr als dubiosen Geschäftspraktiken) im Besitz des PCB-Patents. Klinken ist akkreditiert für "Cyanid-Management" und führte ein Audit bei CyPlus GmbH in Wesseling, ehemals Degussa, durch. Wesseling wiederum ist ein interessanter Standort, denn es war 1972 bis 1974 Ort eines Cyanid-Skandals. Was wie eine harmlose Recherche anfing, wird zu einem Horror-Trip in die Geschichte von Wirtschaftskriminalität und Umweltskandalen.

 

Infos und Quellen

Die aufgeführten Tätigkeitsfelder und -orte sollen die Verknüpfungsdichte von Wirtschaft und Zertifizierung/Beratungsbranche sowie zwischen im Thema PCB - aber auch in anderen Giftmüllskandalen - relevanten Unternehmen veranschaulichen. Keinesfalls ist hiermit eine Wertung der Person Klinkens und seiner Ausübung als Sachverständiger beabsichtigt. Die Autoren haben versucht, eine Stellungnahme von Klinken zu erhalten. Dieser teilte jedoch telefonisch mit, dass er sich weder zum Fall Envio noch zu anderen Themen äußern werde.
Envio: Zertifikat als Entsorgungsfachbetrieb von der DQS, Gutachter Heinz Theo Klinken