Mittwoch, 25. Mai 2011

Zertifizierungsgeschäft: Wieso erhält Skandalbetrieb Gütesiegel?

Der Recycler Envio sorgt 2010 für den größten PCB-Skandal - dabei wirbt Envio bis zuletzt mit EfbV- und ISO-Zertifikaten der DQS. Wie ist dies möglich? 

Durch den PCB-Recycler Envio am Dortmunder Hafen werden Mitarbeiter und Umwelt mit hochgiftigen Stoffen verseucht. Wieso - fragt sich der Laie - wird solch ein Unternehmen auch noch zertifiziert, bekommt also Siegel für die besondere Güte seiner Produktion, Dienstleistung und seines Managements?

 

Zertifikate: Keine Kontrollen

Erst durch das Prognos-Gutachten erfuhr die Öffentlichkeit, dass gefährliche Betriebe, zum Beispiel aus der Entsorgung, Gift-Verarbeitung oder Chemie, durch Zertifikate zudem erhebliche Erleichterungen im amtlichen Umgang erreichen. Sie werden weniger kontrolliert und erhalten eher Genehmigungen: "Obwohl zertifizierte Unternehmen von den Überwachungsmitarbeiter/-innen vor Ort nicht unbedingt als bessere Unternehmen wahrgenommen werden, gibt es für diese Unternehmen zusätzliche Erleichterungen in der Überwachung" (Seite 39).

 

Zertifikate: Marketing-Instrument

Der gleiche Tenor herrscht bei der BKA-Studie zur Abfallkriminalität: "Eine effiziente Kontrolle ist praktisch abgeschafft. Im Gegenteil beschweren sich die Unternehmen (an höherer Stelle), wenn sie kontrolliert werden" (Seite 76). Zusätzlich wird beim BKA mehrfach auf die grundsätzlichen Schwächen der Zertifizierung eingegangen: "Inzwischen sind annähernd alle Entsorgungsunternehmen zertifiziert. Die Zertifizierung ist als Instrument der geordneten Abfallentsorgung ad absurdum geführt worden und dient nur noch als Marketing-Maßnahme" (Seite 76).

Dubiose Zertifizierung

Wie dubios diese Zertifizierung an sich ist, sprechen beide Studien jedoch nur andeutungsweise an. Die Zertifizierung wird nicht direkt staatlich durchgeführt, sondern erfolgt durch private Unternehmen, die der Betrieb, der sich zertifizieren lassen möchte, selbst engagiert. Ein Interessenskonflikt ist damit vorprogrammiert. Doch das ist noch nicht alles: Unternehmen, Berater und Zertifizierer sind häufig organisatorisch nicht getrennt oder es laufen dubiose Geschäfte um die Zertifizierungen ab. Die Güte von Gütesiegeln darf somit grundsätzlich angezweifelt werden.

 

Zertifizierung von Envio

Da verwundert es nicht, dass Envio umwelt- und menschengefährdend mit den giftigsten Stoffen, PCB, hantierte - und das unter den wohlwollenden Augen von Politik und Verwaltung. Und zertifiziert. Wie konnte ein Unternehmen, dessen Mitarbeiter zum Beispiel mit PCB ohne Arbeitsschutzkleidung umgingen, zertifiziert werden?
Die Zertifikate für Qualitäts- und Umweltmanagement (ISO 14001, 9001) und nach der Entsorgungsfachbetriebs-Verordnung (EfbV) wurden 2007 im Envio-Wertpapierprospekt als Referenz hervorgehoben (Seite 62). Envio hatte zudem das Öko-Profit-Zertifikat der B.A.U.M.

 

Zertifikate der DQS bis Juli 2010

Die Zertifikate für ISO 9001 und 14001 sowie als "Entsorgungsfachbetrieb" wurden Envio von der DQS GmbH ausgestellt. Die Deutsche Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen (DQS) ist einer der ältesten und global agierenden Zertifizierer in Deutschland. Obwohl die Behörden den Betrieb der Envio Recycling GmbH bereits im Mai 2010 stilllegten, ist die Lizenz der DQS für den Titel "Entsorgungsfachbetrieb" (so genanntes EfbV-Zertifikat) ebenso wie die Zertifikate für ISO 14001 und ISO 9001 erst seit Juli 2010 ungültig.
Wie ist es aber möglich, dass eine Firma wie Envio, die offensichtlich über Jahre Auflagen und Arbeitsschutzmaßnahmen missachtet hat, überhaupt ein Zertifikat nach ISO 9001 und 14001 sowie als Entsorgungsfachbetrieb durch den Sachverständigen Dr. Klinken von der DQS, einem der großen deutschen Zertifizierer, bekommen konnte und dass dieses nach der Betriebsstilllegung noch zwei Monate gültig ist?
Auf Nachfrage erklärt die DQS am 27.5.11 dazu, "dass wir dem Polizeipräsidium Dortmund im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren gegen Verantwortliche von ENVIO bereits vor einigen Monaten umfänglich Auskunft erteilt haben. Die DQS ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten (Vertraulichkeitsverpflichtung zu Auditergebnissen nach EN ISO/IEC 17021) bestrebt, Fragen der Öffentlichkeit zu beantworten, in diesem Fall wollen wir jedoch Rücksicht auf das Verfahren nehmen. Wir bitten zudem um Verständnis, dass wir Kontaktdaten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der DQS grundsätzlich nicht herausgeben."

 

Bei ausgebufftem Betreiber wie Envio: Nicht die Hand ins Feuer legen

Ein Sachverständiger, der namentlich nicht genannt werden möchte, erklärt: "Bestandteil der Zertifizierungen sind zwar neben Prüfungen von Dokumenten auch Orts-Begehungen - bei einer potemkinschen Envio-Anlage mit einem ausgebufften, sehr risikobereiten Betreiber würde ich aber nicht die Hand ins Feuer legen wollen, ob ich als Sachverständige nicht ebenfalls hereingelegt worden wäre."

 

Zertifizierer: Beide Augen zugemacht

Ein anderer Sachverständiger im Entsorgungsbereich, Bernd Eisfeld von der BFUB-Cert, vermutet - angesprochen auf die Zertifizierer bei Envio - "die haben da auch wohl wahrscheinlich beide Augen zugemacht. Das, was bei Envio passiert ist, das kann es immer geben, sowie kriminelle Energie dabei ist."

Redaktion: Aber müsste der Sachverständige im Fall von Envio nicht auch der Behörde Meldung über die dortigen Mängel gemacht haben?

Eisfeld erklärt: "Es gibt hier keine verbriefte Meldepflicht. Der Sachverständige erstellt ein Gutachten. Dieses kann je nach Behördenauffassung abgefordert werden, das gibt es sehr wohl, aber nur im Einzelfall, es ist nicht die Regel. Wenn im Gutachten Mängel stehen, gibt es ja kein Zertifikat."

 

"..würde ich das auch nicht merken"

Redaktion: Envio hatte jedoch ein Zertifikat …

Eisfeld: "Der Sachverständige arbeitet auf der Grundlage eines Vertrages, dem auch die Behörde irgendwann einmal zugestimmt hat. Wenn Mängel auftreten, hat der Sachverständige keine Meldepflicht gegenüber der Behörde, sondern schreibt erst einmal ein Gutachten und fordert die Behebung der Abweichungen vom Unternehmen. Erst wenn das dann dieser Forderung nicht nachkommt, muss er das Zertifikat einziehen und auch die Behörde informieren."

Redaktion: Das ist also der Regelfall, wenn Mängel auffallen?

Eisfeld: "Genau."

Redaktion: Bei Envio arbeiteten die Mitarbeiter ohne Schutzkleidung … Das hätte eigentlich auffallen müssen, oder?

Eisfeld: "Ja, klar. Man muss aber auch klar sagen: so eine Sachverständigenprüfung, wie wir sie durchführen, ist eine Stichtagsprüfung. Das heißt: wir gehen dort angemeldet hin …"

Redaktion: Laut Presseberichten (Aktienforum WallstreetOnline, Beitrag Nr. 38, Original nicht mehr im Netz) wurde dann bei Envio in der Produktionshalle alles umgebaut …

Eisfeld: "Das sagen jetzt Sie. Ich glaube das nicht! Das Thema Schutzkleidung ist natürlich ein Hingucker. Aber wenn sie an dem entsprechenden Tag Schutzkleidung tragen, würde ich das auch nicht merken."

Envio - EfbV-Zertifikat der DQS (gültig bis 2.1.2010)






Envio - EfbV-Zertifikat der DQS (gültig bis 7.12.2010)