Dienstag, 3. Mai 2011

Umweltschutz: Welche Bedeutung haben Zertifizierungen?

Zertifizierungen sollen in Unternehmen Umweltschutz-Standards garantieren - tun sie das? Welche Vorteile hat ein Unternehmen von der Zertifizierung? 

Was sind umweltgefährdende Unternehmen? Es gibt Unternehmen, zum Beispiel ein Chemiewerk, eine Müllverbrennungsanlage oder ein Entsorgungsbetrieb, die mit gefährlichen Stoffen umgehen, die Gifte verarbeiten, deren Produktionsprozess gefährlich ist oder bei denen Störungen und Störfälle zu mehr oder minder bedeutenden Schäden für Menschen und Umwelt führen. Sie können also "schädliche Umwelteinwirkungen" (Bundes-Immissionsschutzgesetz) hervorrufen. Eine Sonderrolle spielen übrigens Atomkraftwerke - für sie gilt das Atomgesetz und sie sollen daher hier nicht berücksichtigt werden.

Störfall und unsachgemäßer Umgang
Welche Ausmaße ein konventioneller Störfall haben kann, machen Fälle wie der Dioxin-Störfall von Seveso in den 70er Jahren oder die Ölpest aufgrund der Explosion der BP-Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Frühjahr 2010 deutlich. Und es geht ja nicht nur um Störfälle - auch ohne Unfälle können solche Betriebe immense Auswirkungen auf die Umwelt haben, wenn zum Beispiel wie beim Fall Envio in Dortmund durch unsachgemäßen und kriminellen Umgang mit Alt-Transformatoren PCB-Gifte freiwerden.

Überwachung von umweltgefährdenden Unternehmen
Wie mit solchen umweltrelevanten Unternehmen umgegangen wird, wie sie überwacht werden - dies zeigt der Fall Envio in Dortmund. Envio betrieb als Entsorger von PCB-belasteten Transformatoren eine umweltgefährdende Anlage, die entsprechend genehmigt und überwacht werden musste. Envio ging fahrlässig mit einem der giftigsten Stoffe überhaupt, mit PCB, um, trotzdem schritt über Jahre keiner dagegen ein, weil - wie das so genannte Prognos-Gutachten feststellte - die Überwachung nicht funktionierte. Eine große Rolle spielte dabei, dass Envio zertifiziert war, und zwar als "Entsorgungsfachbetrieb" und nach ISO 14001.

Was sind Zertifizierungen?
Zertifizierungen sollen die Einhaltung von Normen oder Standards überprüfen, so dass Unternehmen und ihre Produkte oder Leistungen vergleichbar werden. Bekannt ist die DIN (Deutsche Industrienorm) oder deren internationales Pendant ISO (International Organisation for Standardisation).
Die ISO 14001 definiert das Umweltmanagement eines Unternehmens und wurde als europäische und deutsche Norm DIN EN ISO 14001 übernommen. Zertifizierungen nach ISO 14001 bescheinigen einem Unternehmen, dass seine internen Abläufe bestimmten Qualitätskriterien genügen. Dabei werden nicht absolute Werte, zum Beispiel ein bestimmter CO2-Wert festgelegt, sondern ein System der Selbstverpflichtung aufgebaut und dessen Weiterentwicklung überprüft. Das Unternehmen muss Umweltziele festlegen und die eigene Umweltpolitik in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess daraufhin ausrichten und weiterentwickeln.
Inzwischen dienen Zertifizierungen (und mit ihnen die sich daraus ergebenden Siegel) immer weniger dem Qualitätsvergleich zwischen Unternehmen - sie haben den Charakter von Gütesiegeln angenommen: dem Verbraucher sagt das Demeter-Siegel, dass das Produkt unter bestimmten ökologischen Kriterien erzeugt wurde.
Bei umweltgefährdenden Unternehmen haben die Zertifizierungen direkte Auswirkungen auf ihre Beziehungen zu den Behörden, die für die Genehmigung und Überwachung zuständig sind. Ein umweltrelevantes Unternehmen wie Envio hat immense Vorteile von einer Zertifizierung als "Entsorgungsfachbetrieb", das macht das Prognos-Gutachten klar: Zertifizierte Unternehmen werden seltener kontrolliert, kaum überwacht und von politischer Seite gefördert. Was also beinhaltet ein solches Zertifikat?

Wie wird man zertifiziert? Wer zertifiziert?
Die landläufige Meinung dürfte sein, dass es hierfür staatliche Vorgaben gibt und unbedingt neutrale, am besten staatliche Stellen zuständig sind. Immerhin geht es hier um die Gesundheit der Allgemeinheit und der Umwelt. Doch das ist nicht so.
Der Staat versucht sich möglichst wenig in die Belange der Wirtschaft einzumischen und selbst bei den umweltrelevanten Firmen greift diese Haltung, die der Wirtschaft weitgehende Selbstregulierung genehmigt. Der Staat gibt gewisse Kriterien vor, hält sich aber ansonsten zurück. Die Wirtschaft zertifiziert sich letztlich selbst: Das Unternehmen, das ein Zertifikat haben möchte, beauftragt einen anerkannten Gutachter und dieser zertifiziert es, wenn es den Standards genügt.