Mittwoch, 25. Mai 2011

Merkwürdige Entsorger-Zertifikate: EfbV-Zertifikat der AGR 2011

Gutachter des EfbV-Zertifikats der AGR Herten ist ihr ehemaliger Mitarbeiter Bernd Eisfeld. Ein Interview zu Unabhängigkeit und Zertifizierungsproblemen. 


Ein Satz, bei dem man gleich wieder wegklicken möchte, weil er nach Bürokratendeutsch klingt: Entsorgungsunternehmen können sich als "Entsorgungsfachbetrieb" nach der Entsorgungsfachbetriebe-Verordnung (EfbV) zertifizieren lassen. Doch dahinter steckt: Mit dem EfbV-Zertifikat erhalten Firmen einfacher Genehmigungen und sie werden kaum mehr durch die zuständigen Behörden überwacht. Obwohl unsaubere Entsorger – wie nicht nur das Beispiel Envio in Dortmund gezeigt hat – das Wohl von Mitarbeitern, Umwelt und Allgemeinheit aufs Spiel setzen. Es ist daher von allgemeinem Interesse, dass solche Betriebe korrekt zertifiziert werden. Dazu gehört laut EfbV die Unabhängigkeit der Gutachter.
Am 13.5.2011 wurde hierzu ein Gespräch mit Bernd Eisfeld geführt, verantwortlicher Sachverständiger für das aktuelle EfbV-Zertifikat der AGR, Zwischenlager, Standort Herten (gültig bis 25.8.2011, siehe unten).

 

AGR-Mitarbeiter vor langer, langer Zeit

Redaktion: Bei der AGR werden Sie online als Ansprechpartner der eigenen Abteilung BFUB geführt. Bei der BFUB in Hamburg hat man uns an die BFUB-Cert verwiesen. Dort sind Sie Geschäftsführer. Die sehr ähnlichen Namen BFUB als Teil der AGR und BFUB-Cert führen mich zur Frage, ob es hier einen Zusammenhang gibt.

Eisfeld: Die Namensgebung lässt vermuten, dass es da mal einen Link gab, aber der ist schon vor vielen Jahren gekappt worden. Ich bin seit vielen Jahren raus da.

Redaktion: Was heißt lange? Zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre?

Eisfeld: Das auf der AGR-Seite ist uralt. Ich war vor langer, langer Zeit bei der BFUB in Hamburg angestellt.

Redaktion: Was heißt lange ...? 1990?

Eisfeld: Seit 2006. Die BFUB-Cert ist in jedem Fall völlig unabhängig und hat mit der AGR gar nichts zu tun. Ich habe die Firma damals gekauft. Den Namen habe ich mitgekauft.

Redaktion: Dann war das ein Management-Buy-out?

Eisfeld: Ja, ich habe die Firma bereits 1998 gekauft und die Namensrechte mitgenommen. Eine Namensänderung ist bisher nie ein Thema gewesen.

Redaktion: Wenn Sie vor fünf Jahren bei der AGR gearbeitet haben, dann würde ich als Laie nicht sagen, dass Sie eine wirklich neutrale Instanz sind, eben weil Sie vor fünf Jahren Mitarbeiter des Unternehmens waren ...

Eisfeld: Aber ich war ja nie in der AGR. Ich gehörte zur BFUB. Das ist eine andere Firma als die AGR.

Redaktion: Aber online steht, dass die BFUB Teil der AGR-Unternehmensgruppe ist …

Eisfeld: Das mag sein, aber es ist trotzdem eine eigenständige Gesellschaft. Das muss man schon differenzieren.

Redaktion: Heute ist es üblich, Abteilungen auszugründen und unter einer Holding Hunderte von Firmen aufzuhängen. Haben Sie sich damals nicht als Teil der AGR-Unternehmensgruppe gefühlt?

 

Behördlich gecheckt: Unabhängiger Sachverständiger

Eisfeld: Das Thema Unabhängigkeit ist bereits mehrfach von den Behörden beäugt worden und ist so abgenickt worden. Das Thema ist also nicht neu. Deswegen ist ja auch die eigentliche Zertifizierungsgesellschaft, die BFUB-Cert, seit 1998 komplett gelöst von der AGR-Gruppe, von der BFUB, von allem, was da nun ein Link hätte sein können.

Redaktion: Das heißt: vorher haben Sie auch schon Zertifizierungen der AGR gemacht?

Eisfeld: Nein.

Redaktion: Nun, dass die Behörden dies "abgenickt haben", hat ja nicht unbedingt viel zu bedeuten. Wie der Fall Envio gezeigt hat, kümmern sich die Behörden ja recht wenig um all diese Dinge.

Eisfeld: Packen Sie jetzt AGR und Envio in einen Topf?!

Redaktion: Nicht nur das Prognos-Gutachten führt bestimmte Schwachstellen im Zusammenhang mit Entsorgern, Behörden und Zertifizierungen auf – dass man in Ihren Bereich jetzt genauer hinschaut, dürfte vor diesem Hintergrund wohl verständlich sein …

 

Zertifizierung: Starke Behörden erwünscht

Eisfeld: Das ist ja auch in Ordnung. Unsere Sachverständigentätigkeit braucht einen starken Vollzug. Wir arbeiten ja auf privatrechtlicher Basis. Wir sagen dem Kunden, was er tun muss, um ein Zertifikat zu bekommen. Wenn wir bei der Prüfung Abweichungen feststellen, muss er sie abstellen. Aber alle Feststellungen, die wir dort treffen, sind natürlich immer im Rahmen der Auffassung der Behörden zu sehen. Wenn die Behörden überhaupt nicht vollziehen, wird unsere Position schwächer. Wenn wir beispielsweise sagen: Für eine Genehmigung müsst Ihr das und das umsetzen, dann sagt der Betrieb vielleicht: Danach hat die Behörde nie gefragt. Wenn die Behörde es ohnehin fordert, ist es natürlich viel leichter für den Sachverständigen, Dinge durchzusetzen bei den Betrieben. Dass die Behörden ihren Job vernünftig machen, ist immer in unserem Interesse. Dies mag in der Vergangenheit das eine oder andere Mal, aber nicht in der Masse, sondern im Einzelfall, schiefgegangen sein. Das ist auch eine Frage des Vollzugs. Genauso wie eine Frage der Zertifizierer, das schließe ich ja gar nicht aus. Deswegen kann es da gar keinen großen Interessenskonflikt geben zwischen dem Sachverständigen und einem starken Behördenvollzug, das ist zumindest meine Auffassung.

Redaktion: Aber müsste der Sachverständige, zum Beispiel im Fall von Envio, nicht auch der Behörde Meldung über die dortigen Mängel gemacht haben?

Prüfung und Zertifizierung

Eisfeld: Es gibt keine Meldepflicht. Der Sachverständige erstellt ein Gutachten. Dieses kann je nach Behördenauffassung abgefordert werden, das gibt es sehr wohl, aber nur im Einzelfall, es ist nicht die Regel. Wenn im Gutachten Mängel stehen, gibt es ja kein Zertifikat. Der Sachverständige arbeitet auf der Grundlage eines Vertrages, dem auch die Behörde irgendwann einmal zugestimmt hat. Wenn Mängel auftreten, fordert der Sachverständige die Behebung der Abweichungen vom Unternehmen. Erst wenn das dann dieser Forderung nicht nachkommt, muss er das Zertifikat einziehen und auch die Behörde informieren.

Redaktion: Prüfen Sie nur die Dokumente des Unternehmens oder gehen Sie tatsächlich durch den Betrieb?

Eisfeld: Eine Anlagenbegehung ist zwingend geboten. Wenn ich bei der AGR durch das Zwischenlager gehe, dann gucke ich natürlich sehr wohl nach Sauberkeit und Ordentlichkeit. Aber um das jetzt einmal wirklich deutlich zu sagen: Die AGR ist ein vorbildlich geführtes Unternehmen, weil es eben ein kommunal geführtes Unternehmen ist, die in der Tat noch manchmal eine andere Prioritätensetzung haben als ein ausschließlich gewinnorientiertes Unternehmen. Meines Erachtens läuft die Zertifizierung anständig. Ich würde sagen, das läuft bei nahezu allen Sachverständigen anständig, weil sie mittlerweile auch unter Behördenbeobachtung stehen. Wir Sachverständige brauchen den Vollzug.

EfbV-Zertifikat der AGR Herten