Mittwoch, 4. Mai 2011

Entsorgungsbranche: Wie verläuft der Zertifizierungsvorgang?

Zertifizierungen in der Abfallwirtschaft bedeuten vor allem Bürokratie, um die tatsächlichen Abläufe und technischen Anlagen kümmert man sich nur am Rande. 

Wie fast alle Zertifizierungen in der Wirtschaft umfasst auch die nach ISO 14001 (Umweltmanagementsystem) oder das Zertifikat "Entsorgungsfachbetrieb" vor allem Konzeptionen, Ziele, Pläne, Dokumentation - nicht die tatsächlichen Abläufe.

Wie also wird zertifiziert?
Wie erhält ein Unternehmen das Zertifikat "Entsorgungsfachbetrieb" sowie das Überwachungszeichen des jeweiligen Zertifizierers und kann damit werben? Bei der Zertifizierung werden fast ausschließlich Unterlagen und die "richtige Einstellung" anhand von Gesprächen (meist mit dem Management) überprüft. Das heißt auch, dass sich in der Regel betriebliche Abläufe und technische Anlagen nicht ändern.

Auf das populärere Thema Bio-Lebensmittel bezogen, heißt das Folgendes: Überprüft wird durch den Zertifizierer, zum Beispiel Demeter, nicht, ob der Boden tatsächlich schadstofffrei ist und keine schädlichen Pflanzenschutzmittel benutzt werden - Demeter überprüft fast ausschließlich die Unterlagen des Betriebs. Dieser muss in seinen Unterlagen nachweisen können, dass der Boden unbelastet ist. Natürlich ist Papier geduldig und es kann dabei leicht zu Fälschungen kommen, aber die tatsächliche Überprüfung der Produktion ist sehr aufwendig und kaum leistbar und eine solche dokumentenbasierte Zertifizierung hat sich letztlich über Jahrzehnte bewährt.

Die dokumentenbasierte Zertifizierung: Vor allem Papierkram
Im Vorfeld bedeutet die Zertifizierung für ein Unternehmen daher vor allem "Papierkram". Meist wird ein Beratungsunternehmen engagiert, das zum einen die Strukturen und Abläufe so abstrahiert und anpasst, dass sie in die Schemata der Zertifizierung passen. Außerdem verfügen Beratungsunternehmen meist auch über entsprechende Software-Pakete, mit deren Hilfe die Dokumentation des Ist- und Soll-Zustands sowie der Fortschritte etwas einfacher erfasst werden kann.

Beispiel: Entsorgung der Arbeitskleidung
Ein Beispiel: Zielsetzung der Zertifizierung ist die Verbesserung des Umweltschutzes eines Entsorgers. Ganz konkret heißt das: Der Entsorger formuliert das Ziel "Die Arbeitskleidung soll sicher entsorgt werden." Hierfür muss erfasst werden, wer überhaupt für diesen Job verantwortlich ist, im zweiten Schritt, welche Logistik dafür aufgebaut oder in Anspruch genommen werden soll, welche Firmen übernehmen den Abtransport der kontaminierten Kleidung, wer sammelt die Kleidung ein und so weiter. Selbst die Erfassung eines so kleinen
Details wie die sichere Entsorgung der Arbeitskleidung kann also sehr aufwendig sein.

PCB verseuchen Familien
Wer meint, dieses Beispiel sei aus der Luft gegriffen oder doch eher unwichtig, sollte sich den Fall Envio anschauen: Dort hantierten Leiharbeiter über Jahre bei der Verschrottung von Alt-Transformatoren ungeschützt mit dem hochgiftigen Stoff PCB. Die selbst mitgebrachte Arbeitskleidung wurde nicht besonders behandelt, sie nahmen sie also einfach mit nach Hause, weil dies jedermann tut und dort wurden die Blaumänner in der Waschmaschine gewaschen. Nur: PCB verschwinden nicht einfach, sie sind praktisch unzerstörbar. PCB der Arbeitskleidung sammelten sich also in der Waschmaschine und - da dort ja die gesamte Kleidung der Familie gewaschen wurde - verseuchte andere Kleidungsstücke und darüber die übrigen Familienmitglieder, darunter auch die schwangere Frau eines Mitarbeiters und ihr ungeborenes Kind.

Der Überwachungsvertrag
Wesentlicher Bestandteil der Zertifizierung ist der Überwachungsvertrag zwischen Entsorger und dem Zertifizierungsunternehmen (in der Regel die TÜO, die Technische Überwachungsorganisation). Er ist normalerweise ein Jahr gültig und stellt gleichzeitig auch den Zertifizierungsauftrag dar.

Zuständige Behörde am Sitz der TÜO
Die zuständige Behörde, die so genannte Zustimmungsbehörde, muss diesem Überwachungsvertrag zustimmen. Dies ist die für die Abfallwirtschaft zuständige Oberste Landesbehörde (ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich) oder die von ihr bestimmte Behörde am Hauptsitz der TÜO. Für den Zustimmungsantrag an die Behörde ist eine Darstellung des Betriebes mit Unternehmensverflechtungen, Organisation und Größe sowie Art der zu zertifizierenden Tätigkeiten und der darin umfassten Abfälle nötig.

Zertifizierungsvorteile: Überwachungserleichterungen
Erst wenn die amtliche Zustimmung vorliegt, entwickelt die Zertifizierung ihre unmittelbar positive Wirkung für das Unternehmen: Ist der Überwachungsvertrag genehmigt, übernimmt die TÜO einen Großteil der Überwachungsarbeit, die normalerweise die Behörden leisten müssen - das Unternehmen profitiert in Form einer weit reichenden Deregulierung, muss also viel weniger staatliche Einmischung und Behördengänge befürchten. So verzichten Behörden dann auf Nachweise oder umständliche Genehmigungsverfahren; die Häufigkeit und Tiefe der amtlichen Kontrollen werden dezimiert, wesentliche staatliche Aufgaben damit an die Privatwirtschaft abgegeben.

Als Bärbel Höhn grüner NRW-Umweltminister war
Das ist wörtlich zu verstehen, denn im Runderlass des Umwelt-Ministeriums vom 13.11.2011 heißt es beispielsweise in Bezug auf nach DIN EN ISO 14001 zertifizierte Unternehmen: die "Überwachung in Hinblick auf die Beachtung umweltrechtlicher Vorschriften soll bei Anlagen, deren Betreiber die unter 1. benannten Voraussetzungen [Anmerkung der Redaktion: Zertifizierung nach DIN EN ISO 14001] erfüllt, hinsichtlich der Häufigkeit und der Tiefe der Kontrolle beschränkt werden ... Eine Verlängerung der Zeitabstände kommt in der Regel durch eine Halbierung der Überwachungsfrequenz in Betracht" (zitiert nach: Prognos-Gutachten, Seite 39). Der RUnderlass ist von 2001, damals gab es eine rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen unter Clement und Bärbel Höhn war Umweltminister.

Überwachung des Betriebs durch die TÜO
Hat die Behörde dem Überwachungsvertrag zugestimmt, erfolgt die Erstprüfung: Die TÜO prüft vor allem die Dokumentation der Firma und schlägt eventuell Änderungen vor. Die Überwachung ist keine Überwachung im landläufigen Sinne, denn sie wird nicht regelmäßig und kontinuierlich über einen längeren Zeitraum durchgeführt. Sie umfasst zunächst ein "Gespräch mit der Geschäftsführung, den Beauftragten und evtl. weiteren Verantwortlichen sowie die Dokumentations- und Standort-Prüfung mit Begehung" ("Der erfolgreiche Weg zum Entsorgungsfachbetrieb", TÜO ZUUM).
Basis des Zertifikats ist der Prüfbericht (Auditbericht). Nachträgliche Prüfungen (so genannte Nachaudits) erfolgen nur bei "schwerwiegenden Abweichungen". Aber auch dies hat keine ernsthaften Konsequenzen, denn es reicht, wenn das Unternehmen "geeignete Dokumente" nachreicht (Zitat: ZUUM).
Ist das Zertifikat erst einmal ausgestellt, gibt es nur noch jährliche Prüfungen (so genannte Überwachungsaudits), deren Begutachtungsaufwand "gegenüber der Erstprüfung etwas vermindert und noch praxisnäher" ist (Zitat: ZUUM).