Sonntag, 24. April 2011

Die lauteren Drei: ABB und ihre Töchter am Hafen in Dortmund

ABP, TSW und Envio benutzen gemeinsam Gelände und Produktionshallen der Dortmunder Kanalstraße. Die drei sind ABB-Ausgründungen, arglos und nichtsahnend.

In der Kanalstraße 25 am Dortmunder Hafen werden PCB-haltige Trafos so recycelt, dass Mitarbeiter und ihre Familien teils stark verseucht werden, dass in der Umgebung der Verzehr von Freilandgrünkohl nicht unbedenklich ist und dass große Teile von Betriebsgelände und Hallen mit PCB kontaminiert sind. Bis 2007 hat an der Kanalstraße die ABB das Sagen. ABB schweigt derzeit still. Die drei Nachfolgefirmen wollen von nichts gewusst haben und fühlen sich hintergangen.

ABB am Dortmunder Hafen
ABB war bis 2007 Pächter des Betriebsgeländes ind er Kanalstraße, das Eigentum der Stadt Dortmund ist, und unterließ damals eine Meldung an die Behörden wegen erhöhter PCB-Werte, obwohl sie dazu verpflichtet gewesen wäre.

Im Rahmen von Management-Buy-Outs, also des Verkaufs von Firmenteilen an die eigene Führungsetage, gingen das PCB-Recycling als Envio Recycling GmbH an die Manager Dirk Neupert und Christoph Harks, die ABB-Abteilung Induktionsöfen an die ABP Induction Systems GmbH und die Instandsetzung von Trafos an die Transformatoren West GmbH (TSW), die nach eigenen Angaben sowohl Mitarbeiter wie technische Ausrüstung von ABB übernahm.

ABB als PCB-Entsorger
Noch unter ABB war der PCB-Recyclingbetrieb 1993 aufgenommen, 1994 die Trafo-Dekontaminationsanlage genehmigt worden. 2004 erfolgte die Ausgründung des lukrativen Trafo-Geschäfts in die Envio Recycling GmbH unter Führung des ABB-Managers Dirk Neupert, der Technologie und Geschäft der ABB nahtlos fortführte. Neupert gründete zusammen mit CFO (Chief Financial Officer) Christoph Harks die Holding Envio AG, die 2007 an die Börse gebracht wurde. 2007 übernahm Envio den Pachtvertrag des ABB-Betriebsgeländes; vor der Übergabe sanierte ABB ohne größeres Aufsehen das Gelände von PCB.

ABB und ABP
ABB ist auch Mutter von TSW und ABP, zwei Firmen, die ebenfalls an der Kanalstraße 25 in Dortmund beheimatet sind und die ebenfalls nahtlos die ehemaligen ABB-Geschäftsbereiche fortführen.
Die 2005 ausgegründete ABP führt den ABB-Bereich Induktionsöfen fort. Induktionsöfen sind Industrie-Schmelzöfen, die zum Beispiel für die Stahlerzeugung eingesetzt werden. Der heutige ABP-GF Dr. Wolfgang Andree wird in einer PR-Broschüre von 2007, in der ABB noch als "Mutter" bezeichnet wird, als "ABP-Präsident" tituliert. Dies lässt darauf schließen, dass Andree bei der ABP-Ausgründung mitgewirkt hat.
ABP ist Mieter von Envio, seitdem Envio das Gelände von der ABB übernommen hat. Zusammen mit Envio nutzte ABP die große Halle 1, die wegen PCB-Kontamination wahrscheinlich abgerissen werden muss. 50 ABP-Mitarbeiter weisen erhöhte PCB-Blutwerte auf.

TSW: Aufbereitung von Transformatoren
Die dritte ABB-Ausgründung ist die TSW (Transformatoren Service West), die jetzt Teil der Vogelsang Service Group ist. Im Unterschied zu Envio werden bei TSW Altöltrafos aufbereitet, nicht verschrottet. Wie ABP ist TSW Mieter von Envio. Bei TSW - jetzt in Bochum beheimatet - starb Anfang 2011 ein Mitarbeiter unvermittelt am Arbeitsplatz - unter PCB-Verdacht (WR, 28.1.2011).

Die drei von der Unschuld
Alle drei ABB-Ausgründungen führen also die Geschäftsfelder der Konzern-Mutter fort, arbeiten zum größten Teil mit dem gleichen Personal am gleichen Standort. Da wundert es schon, dass sie nach eigenen Angaben nicht bemerken, wenn 2007 unter ihrer Nase eine PCB-Sanierung des Geländes stattfindet.
Die Geschäftsfelder von ABP und TSW sind inhaltlich nicht so weit vom Thema Transformatoren entfernt, dass man annehmen könnte, die Geschäftsführungen könnten den Betrieb von Envio nicht beurteilen: Müsste man als ABB-Manager und Ingenieur nicht wissen, dass eine PCB-Dekontamination von Trafos ohne besondere Schutzvorkehrungen Gefahren birgt? Dem Management ist aber nach eigenen Abgaben über Jahre und Jahrzehnte die PCB-Problematik nicht aufgefallen. ABP oder TSW tun jetzt so, als wäre das "PCB-Schwert" völlig unvermittelt auf sie herabgestürzt.
Neupert selbst - immerhin Geschäftsführer von Envio - fühlt sich von der ABB hintergangen und hat über all die Jahre nicht bemerkt, dass seine Mitarbeiter ohne Schutzkleidung mit den Trafos hantierten und so mit PCB verseucht wurden, dass sie ihre Arbeitskleidung mit nach Hause nahmen und über den Kontakt in der Waschmaschine die Familien mit PCB belasteten, dass Trafos im Freien zerlegt wurden und dadurch PCB in die Umgebung geriet.
Neupert verteidigt sich im August 2010 damit, "dass Envio lediglich das von ABB bereits praktizierte Verfahren fortgeführt" und dass ABB nur eine "sehr unvollständige Sanierung" durchgeführt habe. Wer anders als der Chef des PCB-Trafo-Recycling von ABB, nämlich Neupert selbst, hätte verantwortlich sein können? Warum hat er damals nicht Alarm geschlagen? Als Experte soll er die Unzulänglichkeit der Sanierung nicht bemerkt haben?

Update 30.07.2015:
Die Bezirksregierung Arnsberg hat Ende 2014 sowohl ABB als Vorpächterin als auch die Stadt Dortmund als Eignerin des Envio-Geländes zur Sanierungsbeteiligung aufgefordert, Anfang 2015 legten beide Parteien Beschwerde gegen diese Verfügung ein. Das OVG Hamm wird nun Ende August 2015 über die Beschwerde bzw. die Gegenbeschwerde der BezReg entscheiden, solange können keine Sanierungsarbeiten begonnen werden.