Freitag, 2. Juli 2010

Urban II-Mittel an Envio: Stellungnahme von Soziale Innovation

Envio nimmt 2008 an Projekt der Dortmunder Wirtschaftsförderung teil - Ungereimtheiten in den Aussagen des durchführenden Unternehmens Soziale Innovation. 

Der PCB-Spezialentsorger Envio AG gilt als Verursacher der seit 2008 gemessenen erhöhten PCB-Werte am Dortmunder Hafen. Am 1. Juli 2010 berichtet der lokale Radiosender 91,2, dass es bereits 2007 erhöhte Werte auf dem Envio-Gelände gab und Envio zum Jahreswechsel 2007/2008 eine Sanierung des Geländes durchführen ließ. Die Stadt bestätigt die Angaben und weist darauf hin, dass dies ohne Mitteilung an die Behörden geschehen sei, teilt jedoch nicht mit, seit wann sie von diesen Vorgängen Kenntnis hat.

 

URBAN II-Projekt bei Envio

Kurz nach der PCB-Sanierung nimmt Envio ab Januar 2008 an einem URBAN II-Projekt unter Federführung der Dortmunder Wirtschaftsführung, der Sozialen Innovation GmbH (SI) und der CE-Consult teil. Wenn man den Pressemitteilungen der Wirtschaftsförderung und der CE-Consult Glauben schenken darf, wurden damals die Abläufe bei Envio intensiv analysiert und optimiert.

 

Envio 2008: Handbücher verdreckt hinter den Maschinen

Zitat aus der Pressemitteilung der CE-Consult vom 16.5.2008: "Mit der blauen Taste läuft's - Positive Bilanz bei Weiterbildungs-Projekt - Bedienungsanleitungen von Destillationsanlagen und Transformatoren kennen Nina Möller und Heidi Dunczyk inzwischen gut. Die beiden Beraterinnen aus den Unternehmen "Soziale Innovation" und "CE Consult" wühlten sich seit Jahresbeginn durch oft 1000 Seiten dicke Werke. "Meist fanden wir sie völlig verdreckt hinter den Maschinen", lacht Heidi Dunczyk. Doch nun ging die Arbeit erst los. Zusammen mit den Mitarbeitern in vier Firmen, unter ihnen die Envio AG, wurde "übersetzt". Das Ergebnis sind Handbücher "in der Sprache der Kollegen", so Nina Möller."

Auf eine entsprechende telefonische Anfrage wollte die SI-Mitarbeiterin Nina Möller keine Aussagen zu Envio tätigen. Per Mail antwortete am 2.7.2010 der Geschäftsführer der SI, Uwe Jürgenhake:

 

Stellungnahme der Sozialen Innovation

"zu Ihrer Anfrage möchten wir wie folgt Stellung beziehen:
CE/SI waren bei Envio im Rahmen des URBAN II Projektes wie folgt tätig:
1. Es wurde in einem Vorabgespräch festgelegt, für eine der Envio-Anlagen eine Arbeitsplatzmappe zum Zwecke der internen Qualifizierung zu erstellen.

2. Herr Ingenfeld (SI) und Frau Steiner (CE) haben unter Erläuterungen eines Vorgesetzten den Bereich Destillationsanlage aufgenommen. D.h. es wurden die Arbeitsvorgänge textlich und fotografisch aufgenommen. Messungen jedwelcher Art wurden nicht vorgenommen. Es wurden keinerlei Optimierungs- oder Verbesserungsarbeiten besprochen oder vorgeschlagen. Es wurden keine Probleme mit Schadstoffen bekannt.

 

Keinerlei Optimierungs- oder Verbesserungsarbeiten, keine Schadstoffprobleme

3. Die Ergebnisse der Anlagenbeschreibung wurde in einem weiteren Termin vorstellt und auf Hinweise der Envio Mitarbeiter angepasst. Die fertige Arbeitsplatzmappe wurde abschließend einem Kreis der Mitarbeiter von Envio vorgestellt mit dem Ziel, dass sich die Mitarbeiter/innen sich zusammen mit den Vorgesetzten weiter an der Anlage qualifizieren. Die Arbeitsplatzmappe wurde dem Unternehmen überlassen.
4. Weiterhin wurde 1 Workshop im Unternehmen zum Thema "Führung / Qualifizierung" mit Mitarbeiter/innen der Envio durch CE/SI durchgeführt.
5. Zu keinem Zeitpunkt wurde das Thema Gesundheit bzw. Gesundheitsgefährung von Beschäftigten der Envio an uns herangetragen."

 

Stellungnahme unzureichend

Neben durch Envio beauftragte Gutachter/Sachverständige sowie Nicole Vormann, Leiterin Nachhaltigkeitsresearch bei Murphy & Spitz, die sich im DAF bereits vor einigen Wochen kritisch zu Envio geäußert hat, sind nach dem bisherigen Kenntnisstand die Mitarbeiter von CE Consult und SI die einzigen unabhängigen Externen, die vor April 2010 über einen direkten Zugang und intensive Kenntnisse bei den Abläufen von Envio verfügten.
Es geht bei den aktuellen Vorgängen bei Envio um gravierende Verstöße, die in unmittelbarem Zusammenhang mit den Anlagen und Arbeitsabläufen stehen. Die PCB-Problematik könnte durchaus die damals vor Ort recherchierenden Mitarbeiter von SI und CE-Consult betreffen.

 

Destillationsanlage Herzstück der PCB-Separierung

Die Destillationsanlage stellt zudem das Herzstück der PCB-Separierung dar. Die SI-Dokumentationen textlicher und fotografischer Art sowie die persönlichen Eindrücke der Mitarbeiter sind daher nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern vermutlich auch für die Dortmunder Staatsanwaltschaft von Bedeutung, die ja ebenfalls ermittelt.
Merkwürdig ist zudem, dass nun zwei vorher nie erwähnte Mitarbeiter "Herr Ingenfeld (SI) und Frau Steiner (CE)" namentlich, die beiden in den Pressemitteilungen hervorgehobenen Mitarbeiterinnen Nina Möller und Heidi Dunczyk aber nicht mehr aufgeführt werden. Nina Möller hatte bereits telefonisch bestätigt, dass sie im Rahmen des Projekts vor Ort bei Envio gewesen war.

 

Interne Protokolle belegen: Destillationskolonne marode

Am 17.5.2010 berichtet die Westfälische Rundschau aus internen Envio-Protokollen:
"Die Destillationskolonne, eine Riesenanlage, die PCB kontrolliert auffangen soll, läuft kaum noch. Befund vom 7. Januar: „Die Verrohrung ist in einer sehr schlechten Verfassung.” Aufgrund dessen träten „regelmäßig Leckagen” auf. Aktuell liege die Kapazität „weit unter der möglichen Leistung. Mögliche Gründe: Verstopfung der Rohre, Wärmetauscher oder Klappen. Auch sind einige Rohre der Anlage abgeklemmt.” Neue Teile sollen so eingebaut werden, dass „die alten Teile die neuen so wenig wie möglich verunreinigen”. Der Zeitplan (KW 3) gilt schon eine Woche später nicht mehr. „Weil Herr X. (Name geändert) für einige Zeit nach Korea muss, wird die Erneuerung der Verrohrung voraussichtlich in KW 8 anfangen.” Tatsächlich ist man auch in Kalenderwoche 16 noch nicht weiter. „Wir suchen zurzeit nach einer Fachkraft oder Firma, die die Rohrleitung schweißen kann oder darf”, heißt es da."

Es geht dabei um Ereignisse aus dem 1. Halbjahr 2008. Damit stellen sich weitere Fragen an die umsetzenden Unternehmen des URBAN II - Qualifizierungsprojekts:
1. Handelt es sich dabei um die in der obigen Stellungnahme angeführte Destillationsanlage, zu der CE/SI Abläufe aufgenommen haben?
2. Haben die Mitarbeiter etwas von den Vorkommnissen bemerkt, als sie die Arbeitsabläufe an der Destillationsanlage aufgenommen haben?

Eine entsprechende Anfrage ging an Uwe Jürgenhake, Soziale Innovation.