Freitag, 2. Juli 2010

Stellungnahme der Wirtschaftsförderung Dortmund zur Envio AG

PCB-Skandal: Die Envio AG nimmt 2008 an einem EU-Projekt teil - der damalige Projektleiter nimmt zum bisherigen Schweigen Stellung.

In einem Interview am 2. Juli 2010 nimmt Hubert Nagusch, Mitarbeiter der städtischen Wirtschaftsförderung, Stellung zu Fragen bezüglich des PCB-Spezialentsorgers Envio AG, der als Verursacher der PCB-Verseuchung nicht nur von Mitarbeitern gilt. Nagusch war 2008 Leiter des Projekts "Qualifizierung in der Metall- und Elektroindustrie in der Dortmunder Nordstadt", einem Teilprojekt von Urban-II "Standortsicherung und Entwicklung von Betrieben", an dem Envio teilnahm.

 

Envio: Keine Abläufe optimiert?

Redaktion: Herr Nagusch, liest man Ihre Pressemitteilungen vom Mai 2008, so lässt sich daraus entnehmen, dass Sie und die projektdurchführenden Firmen Soziale Innovation (SI) und CE-Consult im Rahmen des URBAN II-Projekts tiefe Einblicke und Kenntnis der Arbeitsabläufe bei Envio gewinnen konnten und dass die Abläufe bei Envio mit Ihrer Hilfe optimiert wurden.

 

Handbücher verständlicher formuliert, Mitarbeiter qualifiziert

Nagusch: Es gab keine Optimierung der Prozesse. Die Arbeitsabläufe wurden lediglich aufgenommen. Es wurde aufgenommen, wie etwas passiert. Die komplizierten Handbücher wurden verständlicher formuliert, so dass die Maschinen dort nicht nur durch den Meister, sondern auch durch Vertreter bedient werden konnten. Es war ein Qualifizierungsprojekt - im übrigen bei insgesamt 11 Firmen der Nordstadt. Es ging dabei nicht um Rationalisierung oder Optimierung. Wir haben auf die Abläufe in den Unternehmen nicht eingewirkt - wir haben die Mitarbeiter geschult.

 

Envio stabilisieren

Wir haben Envio als ein Entsorgungs- und Recyclingunternehmen wahrgenommen, für das es einen großen Markt gibt. Die Entsorgung von Transformatoren ist ein Problem, egal, wie man damit umgeht. Da hatte die Firma Envio eine Marktlücke gefunden. Sie hatte sich in Dortmund angesiedelt …

Redaktion: Envio ist ein Management-Buyout der ABB, die mit dem gleichen Geschäftsbereich auf demselben Gelände bereits seit Jahren beheimatet war. Envio war zudem seit 2007 an der Börse notiert.

Nagusch: ABB ging es damals aber nicht richtig gut. Wir hatten ein Interesse daran, dieses ehemalige ABB-Geschäftsfeld, inzwischen als Envio, zu stabilisieren. Unser Ansatz war ja, die Basis der Unternehmen durch Qualifizierung zu stärken. Qualifizierte Mitarbeiter sollen dafür sorgen, dass ein Unternehmen krisenrobust ist. Envio, der Betriebsrat und die Betriebsleitung, haben der Teilnahme am Projekt zugestimmt.

 

Keine Technikveränderung, aber Verbesserung der betrieblichen Abläufe

Die beiden Mitarbeiterinnen von CE und SI sind in die Unternehmen gegangen, haben die Arbeitsabläufe aufgenommen und sich angehört, welche Probleme bestehen. Bei Envio war es so, dass bestimmte Maschinen nur unzureichend oder gar nicht bedient werden konnten, wenn bestimmte Personen nicht da waren. Das galt es zu lösen. Gut, betriebliche Abläufe werden dadurch natürlich schon verbessert, aber es ist keine Rationalisierungsmaßnahme gewesen, in der man die Technik verändert hätte.

 

Murphy & Spitz wurde misstrauisch

Redaktion: 2010 war die Nachhaltigkeitsmanagerin des Umweltfonds Murphy & Spitz, Nicole Vormann, bei Envio und empfand die Anlagen dort als untypisch für ein Unternehmen, das innovative Umwelttechnologien anwendet. Murphy & Spitz war in Envio investiert, hat dieses Engagement jedoch inzwischen aufgegeben.
Nach dem jetzigen Kenntnisstand sind diese Murphy&Spitz-Managerin und die Mitarbeiterinnen Ihres URBAN II-Projekts im Jahr 2008 die einzigen unabhängigen Externen, die nähere Einblicke in die Abläufe bei Envio hatten. Warum haben sich Wirtschaftsförderung, aber auch die beteiligten Unternehmen SI/CE seit Bekanntwerden der Problematik bei Envio diesbezüglich bedeckt gehalten?

Nagusch: Wir hätten in den Chor der Klagenden, der sich hintergangen Fühlenden einstimmen sollen?

 

Normaler Projektablauf - Misstrauen bei Entsorgern nicht angebracht

Es gab damals ein Vorabgespräch, in dem die Vorgaben festgelegt wurden. Es gab die Anpassungsqualifizierung der Mitarbeiter. Das Ergebnis wurde präsentiert. Wir haben Rücksprache mit der Envio-Geschäftsführung genommen. Und sie hat sich hochzufrieden über das Ergebnis der Qualifizierungsmaßnahme geäußert. Wir hatten keinen Anlass, misstrauisch zu sein. Man kann ja nicht grundsätzlich misstrauisch bei Entsorgern sein und die ganze Branche auf den Prüfstand stellen. Dazu hatten wir keinen Anlass. Es gab auch keine Verdachtsmomente.

Redaktion: Ihre intime Kenntnis von Envio würde die Öffentlichkeit sicherlich auch jetzt noch interessieren: Gab es damals dort schon Ungereimtheiten? Wirkte Envio wie eine Firma, die auf innovative Technologien setzt?

 

Wirtschaftsförderung hat keine Envio-Kenntnisse

Nagusch: Ich selbst war nur zur Pressekonferenz Mitte Mai 2008 vor Ort. Vor Ort waren die Mitarbeiterinnen der Sozialen Innovation und CE-Consult. Wenn jemand etwas mitbekommen hat, dann sie. Da müssen Sie schon deren Mitarbeiterinnen fragen.

Redaktion: Das hätten wir gerne - es gibt jedoch nur eine schriftliche Stellungnahme des Geschäftsführers der SI, Uwe Jürgenhake. Wie sieht es mit den dort hinvermittelten Mitarbeitern aus - arbeiten sie noch dort als Festangestellte oder als Leiharbeiter. Wurden sie bereits untersucht?

 

Projekt als Beschäftigungsförderung erfolgreich?

Nagusch: Envio hat 2007/2008 feste Mitarbeiter aus ursprünglicher Leiharbeitschaft rekrutiert. Das war für uns ein weiterer Ansatz: Der Klebeeffekt ist ja nicht besonders hoch bei Leiharbeitern. Er liegt, soweit ich weiß, nur bei 8 Prozent, wie eine jüngere Studie herausgefunden hat. Insofern war das bei Envio schon ein positives Moment.

Redaktion: Wie viele Mitarbeiter wurden denn damals fest angestellt?

Nagusch: Wie viele es waren, kann ich nicht mehr sagen. Es waren auf jeden Fall eine Reihe. Nach Ende des Projekts Mitte 2008 war für uns aber das Thema abgeschlossen, die Mitarbeiterzahl für das Projekt bei uns wurde deutlich reduziert, wie das in solchen Fällen üblich ist.

Redaktion: Gab es denn keine Evaluation, keine nachträgliche Überprüfung der Projektziele? Zum Beispiel wie viele Mitarbeiter auch ein Jahr später noch dort arbeiteten?

 

URBAN II-Qualifizierungsprojekt: Evaluation nicht vorgesehen

Nagusch: Nein, das gab es nicht. Das war auch nicht vorgesehen. Wir haben seither keine Signale empfangen, dass es geschäftliche Gefährdungsmomente bei Envio gab. Es gab also keinen Grund nachzuhaken. Ich weiß nicht, ob die damals durch uns qualifizierten Mitarbeiter heute noch bei Envio angestellt sind.

Redaktion: CE-Consult ist ja auch als Personalvermittler tätig. Waren die damaligen Mitarbeiter durch CE ausgewählt und zu Envio hinvermittelt worden?

Nagusch: Nein, ich glaube nicht.