Dienstag, 6. Juli 2010

Report München: Bericht zu Dortmunder PCB-Skandal bei Envio

TV-Kritik: Am 5. Juli 2010 berichtete Report München über die "Schlamperei" beim Gift-Skandal in Dortmund durch den Entsorger Envio AG, greift aber zu kurz.

Der PCB-Skandal in Dortmund wird bei Report München (ARD) vom 5.7.2010 angekündigt als "unfassbare Schlamperei" und "größter PCB-Skandal in der Bundesrepublik" - das klingt reißerisch und genau so wird das Thema auch aufgearbeitet.

 

Report München, zdf reporter, Monitor - Berichte zu oberflächlich

Berichtet wird vor allem vom schlampigen Umgang mit den PCB beinhaltenden Trafos durch die Envio AG, von den dramatisch erhöhten PCB-Werten der Envio-Mitarbeiter und von Versäumnissen der Genehmigungsbehörde, in diesem Fall der Bezirksregierung Arnsberg.
In der Anmoderation wird erwähnt, dass PCB zu den giftigsten Stoffen überhaupt ("Dreckiges Dutzend") gehört und sich in der BRD trotz mehr als 20 Jahren Produktionsverbot noch in "unzähligen alten Geräten" findet.
Das ist löblich, greift jedoch zu kurz und berichtet an der strukturellen Problematik vorbei. Hiermit findet sich der Bayrische Rundfunk in trauter Gesellschaft mit der um die Aufdeckung bemühten Dortmunder Lokalzeitung, der Westfälischen Rundschau. Auch die Berichte von ZDF-reporter im Juli und von Monitor (29.7.2010) gehen nicht über eine mehr oder weniger marktschreierische Skandalstory ohne fundierte Recherche und wirkliche Aufarbeitung hinaus.

 

Dortmunder PCB-Skandal ist kein Lokalthema: PCB "Ewigkeitslast"

Der Dortmunder Gift-Skandal ist kein lokaler Skandal. Wer sich nur auf die Envio AG oder auch die Bezirksregierung Arnsberg als "Schuldige" konzentriert, dem sind die Dimensionen des Skandals nicht bewusst.

Angesichts des breiten Unwissens und des mangelnden Bewusstseins in der Öffentlichkeit für das Thema der persistenten Giftstoffe, das sich entweder bewusst oder unbewusst sowohl in der Wissenschaft wie auch bei amtlichen Stellen widerspiegelt, ist es wichtig, dass Report München mit überregionaler Wirkung das Thema PCB überhaupt behandelt.
PCB verschwindet nicht einfach - Behörden und Gutachter reden seit Jahren von sinkenden Werten und spielen die Bedeutung herunter (Beispiel: Muttermilch) - PCB ist aber persistent, d.h. zersetzt sich nicht einfach, und es wird über große Entfernungen z.B. über Winde transportiert - es wird also noch über Jahrzehnte in der Umwelt verbleiben. Selbst eine ordnungsgemäße Entsorgung bedeutet nicht ein echtes Verschwinden von PCB (und den anderen Giften der POPs): Entsorgung bedeutet bei ihnen in der Regel die Lagerung untertage, vergleichbar mit Atommüll. Wie sicher eine solche Lagerung ist, mag das Beispiel Asse zeigen. Das Thema PCB muss also in der Zukunft "irgendwann" einmal intensiver angegangen werden und ist deshalb vergleichbar mit den sog. Ewigkeitslasten des Bergbaus.

 

Entsorgungsbranche rechtfertigt Generalverdacht

Nicht der aktuelle Skandal, sondern die Vielzahl von Skandalen, illegalen Entsorgungen, "Schlampereien", kriminellen Machenschaften und Verstrickungen in Korruptionsnetze, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit aufgedeckt wurden - aber sicherlich nur die Spitze des größtenteils verborgenen Eisbergs bilden - berechtigen durchaus, die gesamte Entsorgungsbranche unter Generalverdacht zu stellen. Saubere Entsorger sollten daher nachweisen, dass sie sauber arbeiten.

 

Giftmüll: Filz oder Netzwerk?

Das Interesse der Gewinnmaximierung durch die Entsorgungswirtschaft und ihre Akteure (wie im Envio-Beispiel die Vorstandsvorsitzenden Neupert und Harks) sei hier nur am Rande erwähnt.
Die Envio AG und mit ihr die gesamte Gift- und Sondermüllentsorgung finden sich in einem Netzwerk der Interessen, die jedoch nicht mit denen der Bevölkerung deckungsgleich sind: Das fängt an bei den PCB-Produzenten, den Chemiegiganten wie Bayer oder Monsanto, die sich die PCB-Patente zuerst geteilt haben, bis Bayer in den 60er Jahren auf öffentlichen Druck hin die eigenen Patente Monsanto überlassen hat.
Es geht weiter über die Maschinen-Hersteller, so die ABB, die praktischerweise gleich ins Entsorgergeschäft miteingestiegen ist, eine Konzernsparte, aus der die heutigen Vorstände der Envio AG, Neupert und Harks, im Jahr 2004 Envio gründeten.

 

PCB-Industrienutzer: Energiegiganten und Bergbau

Dann die Nutzer: das ist zum einen die Bevölkerung in Wohngebäuden, wo überall PCB verbaut wurde, das ist zum anderen die Industrie, vor allem Energiewirtschaft und Bergbau, die ihre Altanlagen "irgendwie" loswerden müssen: Da es einen schwunghaften internationalen Handel mit Altgeräten gibt, wandert offenbar ein großer Teil nicht in die ordnungsgemäße Entsorgung. Bei Letzterer haben sowohl der Entsorger selbst wie auch die Nutzer ein verständliches Interesse daran, Kosten zu sparen - was durch illegale Entsorgung fantastisch und erstaunlich einfach gelingt, wie das Beispiel Envio zeigt, zu dessen Kunden auf der Lieferantenseite die RWE und EnBW gehören (die EnBW hat denn auch gleich einen Aufsichtsratsposten besetzt).

 

Nutznießer: Stahlkocher

Auf der anderen Kundenseite haben Stahlerzeuger einen unersättlichen Hunger nach Schrott, den sie für die Stahlkocherei benötigen - und tonnenschwere Altgeräte haben hochwertige Metalle zu bieten. Kein Wunder, dass zu den Kunden der Envio deswegen Schrott-Töchter der Georgsmarienhütte zählen, deren Inhaber, der allseits von der Politik hochgelobte Jürgen Großmann, seit 2007 die Geschicke der RWE (s.o.) leitet, deren Anteilseigner vor allem die Ruhrgebiets-Kommunen, darunter auch Dortmund, sind. Eine Stadt wie Dortmund und seine Politiker wiederum sind erpicht auf die 30 Arbeitsplätze des Entsorgungsunternehmens Envio, weswegen das Unternehmen hofiert wird und mit städtischer Hilfe EU-Fördermittel oder auch einen Umweltpreis erhält.

 

Strukturelle Kontroll-Problematik in der Entsorgungsbranche

Bei all der berechtigten Kritik an der langatmigen Vorgehensweise der Genehmigungsbehörde Arnsberg wird die auf den ersten Blick unerklärliche Untätigkeit der Stadt übersehen. Wichtiger noch: Es wird die strukturelle Problematik nicht beachtet, die sich daraus ergibt, dass ein Entsorgungsunternehmen durchaus als Entsorgungsfachbetrieb (dies ist z.B. die Envio AG) selbst für die eigene Kontrolle zuständig ist, d.h. selbst privatwirtschaftlich agierende Gutachter, Sachverständige usw. engagieren kann. Sogar die Zertifizierung läuft - analog der ISO-Zertifizierung - nicht über die öffentliche Hand oder behördliche Schreibtische.
Um nur einige der in der Sendung nicht aufgearbeiten Aspekte der Thematik zu erwähnen ...

Report München, Sendung vom 5.7.2010 (Sendung leider nicht mehr abrufbar), zum PCB-Skandal in Dortmund.