Donnerstag, 1. Juli 2010

PCB-Skandal Dortmund: Kannte Wirtschaftsförderung Abläufe?

Fördermittel an Envio: Optimierte URBAN II Arbeitsabläufe bei der Envio AG? Kannte Wirtschaftsförderung Dortmund betriebliche Abläufe bis ins Detail?

Dokumente im Netz zeigen, dass die Envio AG mit öffentlichen Fördermitteln Arbeitsabläufe untersuchen und optimieren ließ - kannte die Wirtschaftsförderung Dortmund demnach die betrieblichen Abläufe bis ins Detail?

 

Giftstoff-Funde am Dortmunder Hafen

Am Dortmunder Hafen werden seit 2008 erhöhte Konzentrationen von PCB, Dioxinen und Furanen gefunden. PCB, bis in die 80er Jahre produziert, wird und wurde wegen seiner vielseitigen nützlichen Eigenschaften universal in Baustoffen und Industrieanlagen, insbesondere Trafos und Kondensatoren, eingesetzt. Dioxine und Furane - bekannt geworden durch den Seveso-Skandal - sind auch ein Produkt bei Verbrennung von PCB. PCB, Dioxine und Furane gehören zu den giftigsten Stoffen überhaupt, sind als "dreckiges Dutzend" bekannt und mit der Stockholmer Konvention seit 2004 geächtet.

 

Envio AG: Liebling von Politik und Börse

Betriebskontrollen rund um den Dortmunder Hafen seit April 2010 ergeben besonders hohe Werte bei der Envio AG, die als Spezialentsorger von PCB und Vertreter der innovativen deutschen Recyclingwirtschaft seit Jahren Liebling der Börse und Politik ist.

Eine Pressemitteilung von Pascal Ledune vom 21.7.2009, in der das städtische dortmund project unverhohlen Werbung für Envio und "das Geschäft mit Zukunft", die Entsorgung von belasteten Transformatoren, betreibt, wurde inzwischen offenbar aus dem Presse-Archiv der Stadt gelöscht, ist aber in einem Aktionärsforum noch einsehbar. 2009 erhält Envio den Ökoprofit-Preis der Stadt Dortmund, einen Preis für herausragendes nachhaltiges Wirtschaften.

 

Murphy & Spitz findet Ungereimtheiten

Dem Umweltfonds Murphy & Spitz fallen bei einer Betriebsbesichtigung 2010 Ungereimtheiten bei den vorgeblich innovativen Entsorgungsanlagen auf. Envio-Mitarbeiter berichten von veralteten Anlagen und schlampigen Betriebsabläufen. Die Bezirksregierung Arnsberg schließt den Betrieb am 20. Mai 2010. Am 26. Juni 2010 wird bekannt, dass die PCB-Belastung bei den Envio-Mitarbeitern bis zum 25.000-fachen über der Durchschnittsbelastung der Bevölkerung liegt.

 

PCB-Sanierung bereits 2007/2008

Am 1. Juli 2010 berichtet der Dortmunder Radiosender 91.2, dass es bereits 2007 "eine massive PCB-Belastung bei dem Recycling-Unternehmen am Hafen und bei seinen Nachbarn gegeben" habe. Envio habe "eine großräumige Sanierung" zum Jahreswechsel 2007/2008 ohne Wissen der Behörden vorgenommen. Umwelt- und Rechtsdezernent Wilhelm Steitz von den Grünen bestätigt den Bericht des Radiosenders und bezeichnet das Vorgehen von Envio "böswillig".

Grüner Umweltdezernent Steitz übergibt Ökoprofit-Preis und fühlt sich hintergangen
Der grüne Umweltdezernent Steitz hatte im Dezember 2009 die Ökoprofit-Urkunde persönlich überreicht. Er wie auch andere Stellen der Stadt Dortmund wollen von all den Vorgängen nichts gewusst haben und schießen gegen die langatmige Vorgehensweise der Bezirksregierung.
Aktuelle Recherchen ergeben jedoch ein anderes Bild.

 

Förderung der Envio AG über öffentliche URBAN II-Mittel

Die Envio AG nahm von Januar bis Juni 2008 an einem URBAN II-Projekt in der Dortmunder Nordstadt teil - einem "Problemviertel" östlich des Dortmunder Hafens. Titel: "Qualifizierung in der Metall- und Elektroindustrie in der Dortmunder Nordstadt", einem Teilprojekt von Urban-II "Standortsicherung und Entwicklung von Betrieben". Federführend ist die Wirtschaftsförderung Dortmund, die die Soziale Innovation GmbH (SI) und CE-Consult mit der Umsetzung beauftragt.

 

Ziel des Projekts "Qualifizierung des Personals" und Verbesserung der "betrieblichen Abläufe"

Zum einen stellt sich hier die Frage, ob eine Aktiengesellschaft mit vorgeblich innovativer LTR2-Technologie und bekannt globaler Ausrichtung wie die Envio AG, die einige Monate zuvor durch den Börsengang viel Kapital eingesammelt hat, zur KMU-Zielgruppe solcher EU-Projekte gehört.
Pascal Ledune, Pressesprecher, bezeichnet das Projekt in einem Gespräch am 2. Juli 2010 als reines Qualifizierungsprojekt für Mitarbeiter, die durch Envio fest angestellt werden sollten, Kenntnis der Abläufe und die Zielsetzung der Ablaufoptimierung bestreitet er. In der Pressemitteilung der Wirtschafstförderung vom 15.5.2008 heißt es noch, dass die Aufgabe des Projekts "darin besteht, die Qualifizierung des Personals und die betrieblichen Abläufe zu verbessern."

 

Optimierung der Arbeitsabläufe bei Envio durch öffentliche Gelder

Der Vorstandsvorsitzende der Envio AG, Dirk Neupert, betont in derselben Pressemitteilung: "In Workshops haben unsere Schichtleiter Verbesserungspotenziale zusammengetragen. Was da hinterher meist in kleinen Kärtchen an den Tafeln stand, wird nach unserer Abschätzung technische Weiterentwicklungen erfordern und dann die Produktivität deutlich erhöhen. Vertieft hat sich auch das Teamgefühl bei den Führungskräften."

 

Arbeitsabläufe wurden bis ins Detail überprüft

Wichtiger jedoch ist die Tatsache, die sich daraus ergibt, dass Wirtschaftsförderung und die umsetzenden Unternehmen CE-Consult und SI intensiv vor Ort waren. Zitat aus der Pressemitteilung der CE-Consult vom 16.5.2008: "Mit der blauen Taste läuft's - Positive Bilanz bei Weiterbildungs-Projekt - Bedienungsanleitungen von Destillationsanlagen und Transformatoren kennen Nina Möller und Heidi Dunczyk inzwischen gut. Die beiden Beraterinnen aus den Unternehmen "Soziale Innovation" und "CE Consult" wühlten sich seit Jahresbeginn durch oft 1000 Seiten dicke Werke. "Meist fanden wir sie völlig verdreckt hinter den Maschinen", lacht Heidi Dunczyk. Doch nun ging die Arbeit erst los. Zusammen mit den Mitarbeitern in vier Firmen, unter ihnen die Envio AG, wurde "übersetzt". Das Ergebnis sind Handbücher "in der Sprache der Kollegen", so Nina Möller. "Das kann einfach heißen: Jetzt die blaue Taste drücken."

 

Fragen an die Wirtschaftsförderung

Daraus lässt sich schließen, dass SI, CE-Consult und ebenso die Dortmunder Wirtschaftsförderung en detail Einblick in die Abläufe bei Envio hatten und darauf auch nachträglich über die Projekt-Dokumentation zugreifen konnten.
Folgende Fragen wurden daher den drei beteiligten Organisationen gestellt:
1. Warum haben sich Wirtschaftsförderung, aber auch die übrigen beteiligten Unternehmen seit Bekanntwerden der Problematik bei Envio diesbez. bedeckt gehalten?
2. Ihre intime Kenntnis von Envio hätte sicherlich die Öffentlichkeit interessiert: Gab es damals dort schon Ungereimtheiten? Wirkte Envio wie eine Firma, die auf innovative Technologien setzt?
3. Wie sieht es mit den dort hinvermittelten Mitarbeitern aus - arbeiten sie noch dort als Festangestellte oder als Leiharbeiter, wurden sie bereits untersucht?
4. Wurde den beratend tätigen Mitarbeitern von SI und CE-Consult bekannt, dass schwerwiegende Kontaminationen im Jahr 2007 aufgefallen waren, in dessen Gefolge eine Reinigung/Sanierung des Betriebes vorgenommen wurde?

Nina Möller von der Sozialen Innovation wollte sich auf telefonische Nachfrage am 2. Juli 2010 nicht direkt äußern, kündigte jedoch eine gemeinesame schriftliche Stellungnahme zusammen mit CE-Consult an.

Hubert Nagusch, damaliger Projektleiter seitens der Dortmunder Wirtschaftsförderung, stellte am 2.7.2010 in einem Interview die Sicht der Wirtschaftsförderung dar.