Samstag, 3. Juli 2010

Dortmunder Gift-Skandal: PCB in Muttermilch?

Das Gesundheitsamt Dortmund rät Anwohnern des Dortmunder Hafens: Keine Angst. Mütter sollen weiterstillen. Ein Vater sorgt sich trotzdem und forscht nach.

Quelle: BMUB
 Jörg Schütze wohnt seit 10 Jahren mit seiner Freundin und seit 16 Monaten mit ihrem gemeinsamen Baby in unmittelbarer Nähe des Firmengeländes der Envio AG, des PCB-Spezialentsorgers, der vermutlich Verursacher erhöhter Gift-Konzentrationen im Umfeld ist und dessen Standort deswegen am 20. Mai 2010 durch die Bezirksregierung geschlossen wurde. Bluttests bei den Envio-Mitarbeitern haben eine PCB-Belastung ergeben, die durchschnittlich 8600-fach über den Richtwerten liegt.

 

Muttermilch gibt PCB an Baby weiter

Jörg Schütze macht sich Sorgen. Denn Muttermilch gilt als Indikator für PCB - dort reichert sich PCB an. "Wer sich mit PCB beschäftigt, lernt sehr bald, dass PCB im Körper eine extreme Halbwertszeit hat, mit der Besonderheit, dass über die Muttermilch ein natürlicher ,Ausscheidungsweg' des fettliebenden PCB existiert. Stillende Mütter haben einen sinkenden PCB-Spiegel, zulasten des gestillten Babies," beschreibt Schütze in einem Interview am 2. Juli 2010 seine Ängste. Er liest sich intensiv in die Thematik ein: "Erhöhte Werte, die für den Erwachsenen noch im Normalbereich liegen, können bei Kindern zu vielfältigen Störungen oder Verzögerungen der kindlichen Entwicklung führen - so das Umweltbundesamt."
Schütze kritisiert vor allem die Informationspolitik der Stadt: "Erst als wir im letzten Jahr einen Kleingarten im Kleingartenverein Hafenwiese mieten wollten, wurden wir auf die PCB-Bodenbefunde aufmerksam. Natürlich war uns bewusst, dass die Dortmunder Nordstadt nicht ein ländliches Idyll ist, aber die unmittelbare Nähe zu einer Ökoprofit-Firma (Envio hatte den Ökoprofit-Preis 2009 erhalten, Anm. d. Red.) wirkt ja durchaus Vertrauen erweckend." Die Dortmunder Nordstadt liegt östlich des Hafens und gilt seit längerem als ein "Problemviertel", das auch besonders durch die EU gefördert wird.
 
Als Schütze von den erhöhten PCB-Werten und schließlich von den Blutproben bei Envio- und Hafen-Mitarbeitern erfährt, fragt er sich, was mit den Müttern ist: "Blutproben bei PCB sind nur retrospektiv, man kann erst einmal nichts Anderes tun als entsetzt auf das Testergebnis zu starren. Muttermilchproben dagegen haben eine ausgesprochen aktuelle Relevanz. Wenn in der Muttermilch erhöhte Werte auftauchen, lässt sich der Schaden mit einer Stillempfehlung wenigstens noch begrenzen. Deswegen scheint es mir wichtig zu erfahren, ob es in der Umgebung von Envio belastete Muttermilch gibt."

 

Gesundheitsamt: Abwarten und Weiterstillen

Schütze wendet sich daher ans Gesundheitsamt und ist noch jetzt entsetzt über die dortige Art und Weise, ihn abzufertigen: "Ich erhielt nicht den Eindruck, dass sie dort wirklich alles tun, um mir zu helfen, sondern den, ich sei ein Störenfried, der die Leute belästigt. Nach einem fruchtlosen persönlichen Besuch des Amtes, versuchte ich einige Stunden später eine telefonische Kontaktaufnahme. Dabei versuchten mich zunächst zwei Damen vergeblich abzuwimmeln und vermittelten mich schließlich an Frau Düsterhaus." Dr. Annette Düsterhaus ist Chefin des Gesundheitsamts Dortmund.
"Frau Düsterhaus versuchte mich davon zu überzeugen, dass die Anwohner nicht so stark belastet sein würden, dass eine allgemeine Muttermilch-Untersuchung in der Dortmunder Nordstadt Sinn mache. Die Staubproben außerhalb des direkt betroffenen Geländes wiesen geringe PCB-Belastungen auf; das PCB streue offenbar nicht weit. Meine Freundin solle auf jeden Fall weiterstillen, und, ja - das erfuhr ich damit zum ersten Mal - es gebe durchaus die Möglichkeit, Muttermilch kostenlos auf PCB zu testen."

 

Institut testet Muttermilch

Allerdings erfuhr er außer den Institutsdaten keine Unterstützung: "Das Prozedere ist nicht ganz so durchsichtig. Ich muss alles selbst herauskriegen und in die Wege leiten." Genannt wurde ihm das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe (Münster, Tel 0251 9821 - 0), dessen Online-Angebot jedoch lediglich darauf verweist, dass dort der Muttermilch-Test auf perflorierte Tenside (PFT) kostenlos ist.

Wie wenig sowohl in der Öffentlichkeit wie auch bei amtlichen und wissenschaftlichen Stellen ein Bewusstsein für die Problematik der persistenten Giftstoffe vorhanden ist, zeigt im übrigen die "Nationale Stillkommision am Robert-Koch-Institut in Berlin, die aufgrund des Rückgangs der Belastung bei PCB und Dioxinen in den letzten Jahren um 50% "in den verbliebenen Rückständen kein gesundheitliches Risiko für den Säugling und somit keinen Anlass für irgendwelche Einschränkungen des Stillens" sieht.
Die pauschale Empfehlung des Dortmunder Gesundheitsamts weiterzustillen, macht Schütze fassungslos: "Frau Düsterhaus hält es für unwahrscheinlich, dass Belastungen in der Muttermilch nachzuweisen seien - ich halte das angesichts der Unsicherheiten und der Gefahren, die von den Substanzen ausgehen, für unhaltbar. Aus einer Studie des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) habe ich gelernt, dass man bei der Bewertung Vorsicht walten lassen muss. Die Unsicherheit bei der wissenschaftlichen Bewertung der Gefährlichkeit dieser Stoffe ist extrem groß - da sollte sich keiner aus dem Fenster lehnen und sagen, er wisse, und sagen: Machen Sie sich keine Sorgen."

 

PCB-Skandal: Keine Vor- und Fürsorge durch Stadt

Schütze ist nicht nur zutiefst enttäuscht, sondern aufgebracht über die verantwortungslose Haltung der Stadt: "Die Erfahrung mit dem Gesundheitsamt zeigt mir, dass man dort einfach abwartet. Meiner Meinung nach müsste man aber die Mütter ansprechen. Die schlechte Informationspolitik ist eine Katastrophe. Ich finde es unsäglich, dass man mir im Gesundheitsamt sagt: ,Wir können nicht an alle Haustüren klopfen, um zu fragen, ob da stillende Mütter sind.' Bei den obligatorischen Kinderuntersuchungen kann man ja auch diejenigen anrufen, die nicht daran teilnehmen. Die Daten hat man ja."
Schütze: "Ich vermisse den Impetus für die Für- und Vorsorge: es geht um Schaden abwenden und Gutes tun, stattdessen lässt man Schaden zu und redet - das ganze Gerede, das ist etwas, was wir jetzt gar nicht gebrauchen können."

 

PCB: Tests und Beratungsangebot für Mütter und Schwangere gefordert

"Meine Bitte an das Amt war und ist einfach, aber dringend," so Schütze: "Die Stadt/das Gesundheitsamt möge kurzfristig veranlassen, dass stillende Mütter und schwangere Frauen in der potenziell betroffenen Nordstadt persönlich (ehrlich, verständlich und umfassend) informiert werden und dass man ihnen anbietet, sich oder ihre Milch testen zu lassen. Auch wenn sich schließlich durch ein Wunder herausstellen sollte, dass keine Belastungen messbar seien."
Bislang hat die Forderung von Jörg Schütze, für Mütter der Umgebung Beratung und Blut-/Muttermilchanalysen anzubieten, jedoch noch keinen Widerhall beim Gesundheitsamt gefunden.
Dass Schütze nicht der einzige ist, der vom Gesundheitsamt "abgewimmelt" wurde, zeigt unter anderem der Fall eines Envio-Leiharbeiters.