Sonntag, 6. Juni 2010

PCB-Skandal in Dortmund 2010: Sumpf im Dortmunder Hafen

Recycling: Verwertung und Entsorgung von Giftstoffen wie PCB ist ein lukratives Geschäft. Der Dortmunder Hafen ist Zentrum für Entsorgung und Verschrottung.

Der aktuelle und konkrete PCB-Skandal macht den Begriff "Firmen-Sumpf" anschaulich und den Dortmunder Klüngel greifbar. Ein Blick per Google Earth auf den Dortmunder Hafen sagt mehr als tausend Worte: Hier wird verschrottet und entsorgt.
Die Ansammlung von Schrott- und Recyclingfirmen im Dortmunder Hafen wird angesichts des PCB-Skandals geradezu zu einer Herausforderung für diejenigen, die an Firmenverflechtungen zusammen mit Altlasten interessiert sind.
  • Da gibt es erstens ABB als Firmenvorgänger von Envio.
  • Dann spielt auch die Familie Edelhoff, jetzt Eigentümer der Lobbe Holding, ein Rolle: die Lobbe Holding ist mit der Gefahrstoff-Betriebsreinigung des Envio-Geländes beauftragt, obwohl sie Envio-Kunde ist. Mit einer solchen Betriebsreinigung dürfen nach unzulässigen Gefahrstoff-Funden nur neutrale Unternehmen beauftragt werden, keine Kunden der in Frage stehenden Firma.
  • Stadtverflechtung: Die Familie Edelhoff hatte eine eigene Entsorgungsfirma, die in den 1990er Jahren von der damaligen VEW (jetzt RWE) gekauft wurde und in Kooperation mit der stadteigenen Müll/Entsorgungstochter EDG die Container-LKWs durch Dortmund transportierte.
  • Eine erst auf den zweiten Blick wichtige Rolle spielt auch die Georgsmarienhütte Holding, ein Management-BuyOut aus der Klöckner Gruppe, deren letzter Namensgeber 1947 in Dortmund-Kirchhörde verstarb und deren heutige Hauptunternehmung die Dortmunder KHS AG (Klöckner, Holstein&Kappert, SEN AG) ist.

Envio-Kunden: Hittmeyer, RRD, Georgsmarienhütte
Bei Untersuchungen im Dortmunder Hafen im Mai 2010 stößt das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) auf drei Flächen, die wie die des PCB-Spezialverwerters Envio erhöhte PCB-Werte aufweisen. Eine davon gehört zur Rohstoff Recycling Dortmund GmbH (RRD), die Envio-Kunde war. Die beiden anderen gehören dem Schrottverwerter Ahle und der Firma Hittmeyer. Hittmeyer war bereits zu Anfang der Ermittlungen 2009 ins Visier gekommen, da sie ihr Schrottlager auf Flächen betreibt, auf denen in den 1990er Jahren (damals noch mit anderem Nutzer) nach mehreren Bränden Dioxine und Furane entdeckt wurden.
Nun stellt sich zum einen die Frage, wie die erhöhten PCB-Werte zum Hittmeyer-Gelände kommen. Die einfachste Lösung ist, dass Hittmeyer Kunde von Envio ist. Sowohl Envio als auch die Bezirksregierung Arnsberg behaupten jedoch, dass die Firma Hittmeyer kein Kunde sei. Informationen, die die Rohstoff Recycling Dortmund GmbH (RRD) der Westfälischen Rundschau übergibt, deuten aber daraufhin, dass die RRD von Envio Material gekauft hat und dieses auf das Hittmeyer-Gelände weitergeleitet wurde.

Außerdem ist ein Organigramm zu den Konzernstrukturen der Georgsmarienhütte Holding (GMH; Seite 4) entlarvend: Sowohl RRD als auch Hittmeyer werden dort als Töchter der Georgsmarienhütte Holding aufgeführt. Die Georgsmarienhütte Holding ist übrigens Großabnehmer für den Schrott der beiden Firmen. Ein Kommentator auf derwesten.de vom 29. Mai 2010 behauptet sogar, dass die Firma Rohstoff Recycling Dortmund GmbH Rechtsnachfolger von Hittmeyer ist.

Eigentlich sollte es angesichts solcher Verflechtungen keine Fragen mehr geben, warum PCB auch auf anderen Geländen gefunden wurde, sondern nur: wie viel davon gefunden wird. Keine Frage auch: Die Reinigung des Betriebsgeländes der Envio AG sollte einem tatsächlich neutralen Unternehmen übergeben werden.