Dienstag, 1. Juni 2010

PCB-Giftstoffe entdeckt: Der Umweltskandal in Dortmund 2009

Der Envio-Giftstoffskandal in Dortmund: Vorgeschichte und Hintergründe. Was ist PCB und wann wird es gefährlich? Was hat der Dortmunder Hafen damit zu tun? 

Es scheint, als ob Dortmund nun sein Seveso hat. Und bislang liegen sowohl Folgen wie Ausgang im Dunkeln. Ein Überblick über die Vorgeschichte, die Hintergründe und die aktuellen Entwicklungen.

Die Vorgeschichte des Dortmunder PCB-Skandals

Am 16. Januar 2009 meldet das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) eine alarmierende Konzentration von PCB in Grünkohl, der aus den Kleingärten rund um den Dortmunder Hafen stammt. Vom Verzehr von bestimmten Gemüsesorten (Grünkohl, Blattgemüse, Zucchini) wird dringend abgeraten. In unmittelbarer Nähe des Dortmunder Hafengeländes befinden sich große Kleingartenanlagen, viele mit Nutzgärten für den Gemüse- und Obstanbau.
Das LANUV hatte in den Jahren zuvor in Dortmund-Eving, etwa einen Kilometer östlich der Kleingärten in Hafennähe, eine Langzeitmessung zur Luftqualität durchgeführt. 2008 wurden dabei auffällig erhöhte PCB-Werte in den Analysen der 2007er-Proben festgestellt. Unter anderem war Grünkohl als "Bioindikator" verwendet worden. Grünkohl ist sozusagen "die Leber des Nutzgartens" - wenn sich Giftstoffe in der Umgebung finden, dann werden sie gerade vom Grünkohl gespeichert. In ihm lassen sich Giftstoffe daher in besonders hohen Konzentrationen auffinden.

Die zuständigen Behörden, die Bezirksregierung Arnsberg und die Stadt Dortmund, wurden informiert. Das LANUV zog danach Grünkohlproben in den Kleingartenanlagen, die direkt an den Hafen grenzen, da die PCB-Belastung nach Auskunft der Bezirksregierung eventuell vom Dortmunder Hafen herrühren könnte. Nun dauerte es bis zur Grünkohlernte im Spätherbst 2008, bis die Grünkohlproben aus den Kleingartenanlagen im Umfeld des Dortmunder Hafens untersucht werden konnten. Die Ergebnisse der Anlaysen lagen aber erst im Januar 2009 vor: Die Gehalte an PCB und Dioxinen waren auffällig erhöht; damit kam der Hafenbereich als Quelle in Betracht.

 

Was ist PCB und wann und wie wird es gefährlich?

Polychlorierte Biphenyle (PCB, polychlorierte Diphenyle, Chlordiphenyl, engl. chlorinated diphenyls) sind giftige chemische Chlorverbindungen, die im Verdacht stehen krebs erregend zu sein. PCB wurden von 1929 an bis in die 1980er Jahre vor allem in Transformatoren, Wärmeüberträgern und elektrischen Kondensatoren, als Hydraulikflüssigkeit in Hydraulikanlagen im untertägigen Bergbau sowie als Weichmacher in Anstrichstoffen (Lacken), Dichtungsmassen, Isoliermitteln und Kunststoffen (z.B. Kabelummantelungen) verwendet. PCB zählen zu den zwölf organischen Giftstoffen (Persistente Organische Schadstoffen, POPs), die durch die Stockholmer Konvention vom 22. Mai 2001 weltweit verboten wurden.
Insbesondere als Folge von unsachgemäßem Abfallmanagement sind die PCBs heute in der Umwelt allgegenwärtig, wo sie durch biologische Prozesse kaum abgebaut werden. Sie konzentrieren sich in der Nahrungskette, werden aber auch über große Entfernungen hinweg durch die Luft transportiert, wobei sie sich in kälteren Regionen anreichern: In der Arktis, in der sie niemals verwendet wurden, wurden besonders hohe PCB-Gehalte nachgewiesen.
PCB wurde zwar in der 1980er Jahren verboten - dennoch sind sie noch heute über viele Anwendungen (wie zum Beispiel PCB-haltige Transformatoren, Leistungskondensatoren, Baustoffe, Kabelisolierungen) im Umlauf, so dass die ordnungsgemäße Entsorgung PCB-haltiger Abfälle auch für die nächste Zukunft von großer Bedeutung ist. Besonders gefährlich ist die Aufnahme von PCB über die Nahrungskette.

 

Woher kommen die erhöhten PCB-Werte am Dortmunder Hafen?

Woher kommen die erhöhten PCB-Werte am Dortmunder Hafen? Diese Frage stellte sich auch das LANUV. Zunächst standen Brachflächen im Hafen im Verdacht, Verursacher für deutlich erhöhten Grenzwerte rund um den Dortmunder Hafen zu sein. Unter anderem vermutete man die Quellen auf dem Gelände von Niko Metall, einer inzwischen insolventen Firma, auf dem in den Neunzigern nach mehreren Bränden Dioxine und Furane entdeckt worden waren. Eine der fraglichen Flächen ist heute ein Lager der Container Dortmund GmbH, eine andere Schrottlager der Firma Hittmeyer, deren Verwicklung in den Skandal bislang undurchsichtig ist. Beide Flächen wurden damals nicht abgetragen, sondern lediglich mit Asphalt und Stahlplatten versiegelt.
Welche PCB-Arten nun konkret 2009 und 2010 am Dortmunder Hafen gefunden wurden beziehungsweise wie die Gift-Funde sich genau zusammensetzen - darüber gibt es bislang keine öffentlichen Informationen. Die gefundenen Dioxine/Furane traten wohl nur an einer Stelle auf und sind für die später erhobenen Vorwürfe an den PCB-Spezialverwerter Envio (noch) nicht von größerem Belang. Dioxine und Furane entstehen immer bei unkontrollierter Verbrennung von PCB.

 

Der Dortmunder Hafen

Dass am Dortmunder Hafen PCB in erhöhten Konzentrationen gefunden wurde, kann allerdings nicht wirklich überraschen. Zum einen ist Dortmund eine Stadt mit Industriegeschichte, und zwar in jeder Beziehung mit dreckiger Industriegeschichte. Gerade auch der massive Einsatz von PCB als Hydraulikflüssigkeit im Bergbau und die vielen Industriebrachen, die durch die ehemaligen Besitzer-Konzerne durchweg nicht-saniert der Allgemeinheit übergeben wurden, prädestiniert Dortmund geradezu für Gitstoff-Funde.
Der Dortmunder Hafen war ursprünglich vor allem ein Umschlagsort für Kohle und Stahl - für die früher wichtigen Dortmunder Industrien. Seit Jahren ist er aber vor allem Heimat von Abfallentsorgungs- und Recyclinganlagen. Dort PCB zu finden, kann also nicht wirklich erstaunen - wird dort doch täglich damit umgegangen. Allerdings soll das PCB in diversen Unternehmen des Dortmunder Hafens ordnungsgemäß entsorgt werden - nicht einfach in die Umwelt gelangen. Für diese aufwendige Entsorgung erhalten diese Firmen viel Geld und haben entsprechend strenge Auflagen.