Sonntag, 6. Juni 2010

PCB-Giftskandal Dortmund: Envio-Schließung und Blutuntersuchungen

Mai 2010: Messungen finden am Dortmunder Hafen PCB, Dioxine und Furane. Der Verursacher scheint klar: Envio, ein PCB-Spezialentsorger. Bluttests angeordnet.

Der Dortmunder Hafen kann lange Zeit in Ruhe weitermachen wie immer - trotz aller Hinweise: Erste Gift-Funde im weiteren Umfeld 2007, weitere Untersuchungen und Analysen von Proben 2008 bis 2009. Konkrete Untersuchungen bei ansässigen Firmen ab Januar 2010. Trotz bestimmter Hinweise durch einen ehemaligen Mitarbeiter bei dem PCB-Spezialentsorger Envio ziehen sich die Untersuchungen hin. Endlich wird das LANUV (Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz) im Rahmen der großflächigen Untersuchung von Firmengeländen am Dortmunder Hafen am 30. April 2010 beim Besuch von Envio fündig: In der so genannten "Weißen Halle", in der ansonsten nur PCB-gesäuberte Altgeräte stehen dürfen, finden sich Trafo-Bleche mit dem 150-fachen des erlaubten PCB-Grenzwerts. Am 5. Mai 2010 abends legt die Bezirksregierung Arnsberg Teile der Envio-Produktion still.

Arnsberg schließt Envio-Standort in Dortmund

Die Aussagen des ehemaligen Envio-Mitarbeiters liegen inzwischen als eidesstattliche Versicherung vor, so dass auch die Dortmunder Staatsanwaltschaft von sich aus aktiv wird und Ermittlungen einleitet. Am 19. Mai 2010 werden Gelände und Gebäude der Envio AG durchsucht.
Am 20. Mai 2010 schließt die Bezirksregierung Arnsberg den Envio-Betrieb komplett, da Envio gegen Betriebs-Genehmigungen und Auflagen verstoßen und dabei auch ihre Mitarbeiter einer Gesundheitsgefährdung ausgesetzt habe. In Wisch- und Staubproben von Werkshallen und Freigelände hatte das LANUV eine Belastung mit Dioxinen und Furanen sowie PCB-Werte entdeckt, die bis zum Tausendfachen der erlaubten betragen. Bluttests der Mitarbeiter und eine groß angelegte Säuberung des Betriebsgeländes werden angeordnet. Die seit 31. Mai 2010 laufenden Blutuntersuchungen werden auf Mitarbeiter in benachbarten Firmen und die Hafen-Anwohner ausgeweitet. Nach eigenen Recherchen wurden diese aber nicht direkt, sondern nur über die Presse informiert. Wie weiter verfahren werden soll, darüber haben Anwohner und anliegende Firmen bislang keine Informationen.

Vorzeigebetrieb Envio - Umweltdezernent fassungslos

Während der gesamten Untersuchungen und Aktivitäten ist es seitens des Dortmunder Umweltamtes merkwürdig ruhig. Leiter des Umweltamtes ist der Grüne Wilhelm Steitz, der sich in einem Bericht der Westfälischen Rundschau vom 18. Mai 2010 "fassungslos" zeigt, weil ihm bei einem persönlichen Besuch des Unternehmens erzählt worden war, wie "innovativ und sicher alles" ist.
Denn die Envio AG ist ironischerweise der Dortmunder Ökoprofit-Betrieb 2009 - das heißt: das Vorzeigeunternehmen in Sachen Ökologie und Nachhaltigkeit. Die Envio-Aktionäre werden ab Mitte Mai 2010 langsam nervös. Parallel zu den jetzt fast täglich eintreffenden bad news über Envio gibt es rätselhafte Aktien-Käufe in größeren Stückzahlen. Der Aktienkurs bricht nach der Schließung des Dortmunder Standorts auf weniger als die Hälfte ein, trotzdem gibt es in den nächsten Tagen weiter Zukäufe (Quelle: Finanznachrichten).

Gemengelage der Institutionen
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Ämter: Involviert sind die Bezirksregierung Arnsberg und Dortmunder Umweltamt als Überwachungsbehörden, das LANUV als Mess-Institut. Seit Mai 2010, seitdem es um die Gesundheit der Bürger geht, ist auch das Gesundheitsamt beim PCB-Skandal mit im Boot: Es führt die Blutproben durch. Mit der Ende Mai 2010 eingesetzten Arbeitsgruppe zu "Gesundheitsvorsorge, Ursachenermittlung und Gefahrenbeseitigung", die die städtischen Maßnahmen im Zusammenhang mit den PCB-Belastungen im Hafen koordinieren soll, kommen zu allem Überfluss auch noch die Wirtschaftsförderung, Sport- und Freizeitbetriebe, das Jugendamt, die Bürgerdienste und die Hafen AG hinzu.

Fazit: Keine Liste von Gefahrstoff-Firmen am Dortmunder Hafen
Das vorläufige Fazit des PCB/Dioxin-Skandals am Dortmunder Hafen: Umfangreiche Untersuchungen, eindeutige Ergebnisse, frühzeitige Hinweise auf mögliche Verursacher - und trotzdem benötigen die zuständigen Stellen drei Jahre, um echte Konsequenzen zu ziehen und den PCB-Entsorger Envio stillzulegen, der sein Geschäft ein wenig zu offensiv betrieben hat.
Trotz Brände und daraus folgender Dioxin-Verseuchung des Niko Metall-Geländes in den 1990er Jahren haben weder die Bezirksregierung in Arnsberg noch die zuständigen Ämter in Dortmund einen Überblick darüber, was am Dortmunder Hafen wie von wem an Gefahrstoffen produziert und gehandelt wird. Die Dortmunder Linke fordert die Liste der Namen und Adressen von Weiterverwertern, die Envio-Material bezogen haben, und eine Aufstellung der Großtransformatoren, die im Envio-Werk eingegangen sind.

Dortmunds schwacher grüner Umweltdezernent und Ausweitung des Skandals

Die Grünen spielen in Dortmund keine Vorreiterrolle in Sachen Umwelt. Ihr Umweltdezernent Steitz ist während des gesamten Vorgänge um die PCB-Funde am Dortmunder Hafen praktisch nicht in Erscheinung getreten, eigenständiges Handeln ist nicht erkennbar, seine Kommentare eher weinerlich zu nennen. Das hat dann auch eine kommunalpolitische Komponente, denn Oberbürgermeister Sierau (SPD) will das Umweltdezernat wieder unter das Planungsdezernat einordnen, so dass die Grünen diesen Posten verlieren könnten.
Ende Mai 2010 ist klar, dass weitere Firmen am Dortmunder Hafen betroffen und eventuell auch in den Skandal aktiv involviert sind.