Freitag, 18. Juni 2010

Envio-LTR²: Innovative Umwelttechnologie zur PCB-Entsorgung?

Dortmunder PCB-Funde: Jahrelang wird die Envio AG von der Politik hofiert - PCB umweltschonend entsorgen "made in Germany" - Netz-Recherche zu einem Skandal

© Envio AG
2010 findet das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz auf dem Betriebsgelände der Envio AG extrem erhöhte Werte an PCBs, Dioxinen und Furanen. Am 20. Mai 2010 wird der Dortmunder Envio-Standort durch die Bezirksregierung Arnsberg geschlossen, weil er im Verdacht steht, gegen die behördlichen Auflagen verstoßen zu haben und Hauptverursacher der PCB-Belastungen in der Umgebung zu sein.
Die Envio AG ist ein Management-Buy-out des ABB-Konzerns, der am gleichen Standort am Dortmunder Hafen seit Ende der 1980er Jahre bis 2004 im Entsorgungsgeschäft und speziell in der PCB-Entsorgung tätig war. Envio übernahm dadurch "ABB Environmental Services", die Umweltdienstleistungs-Sparte des ABB-Konzerns. Gegründet 2004 steht der seit 2007 börsennotierten Envio AG Dirk Neupert als Vorstandsvorsitzender vor.

 

Schlüsseltechnologie LTR²

Hauptstandbein ist die selbst entwickelte so genannte LTR²-Technologie (Low-Temperature Rinsing and Re-Use/Recovery; Niedertemperatur-Spülen und Wiederverwendung): Damit sollen PCB-haltige Transformatoren und Kondensatoren umweltschonend entgiftet werden.

LTR² - innovative Technologie made in Germany, hat man sich da wohl allgemein gedacht. Doch zunächst muss Envio ja erst einmal in den Markt kommen. Eine Suche im Internet nach den Spuren der Envio-PCB-Entsorgungstechnologie:

 

Envio und die Politik

Gute Kontakte zur Politik hat man von ABB geerbt. Zunächst einmal erhält Envio Fördergelder für die Forschung: Mehr als 850.000 Euro schon bis 2004 von der EU. Fördergelder erhält keine Firma, nur weil sie selbst in Brüssel vorstellig wird. Auch da muss es bereits massive politische Unterstützung - vermutlich durch das damals SPD-regierte Land NRW - gegeben haben.
Das Land macht denn auch Werbung mit diesem Export-Schlager: In der Broschüre "NRW Welcome Umweltwirtschaft" vom März 2004 für Taiwan, herausgegeben von der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Nordrhein-Westfalen, wird Envio neben anderen Entsorgungsgrößen wie Rethmann angepriesen.
Im Juni 2004 findet im Gefolge des Stockholmer Abkommens zur Ächtung der POPs, der zwölf besonders giftigen und kaum abbaubaren Stoffen, zu denen auch PCB gehört, eine Konferenz in Genf statt, in der es darum geht, wie die Vorschriften der Stockholmer Vereinbarung umgesetzt werden sollen. Mit dabei: Dirk Neupert von Envio und ein Sven Schreiber von ABB. Wer dort vorträgt, hat schon einen Namen und will hinein ins große Geschäft. Und wer hier als Berater die eigenen Technologie vorstellen kann, der kommt auch hinein ins große Geschäft.

Envio-LTR² weltweit
Envio ist weltweit tätig: Im Netz findet sich ein Vortrag von Envio in Manila im Dezember 2008 (nur noch im Google Cache verfügbar), einer in Belgrad. Angesichts der unerwartet guten Entwicklung der Envio-Aktie ab 2009 überschlagen sich die Foren, Online-Blätter und selbst das ARD-Börsenmagazin. Am 19. Mai 2009 ein größeres Interview des Aktionär mit Dirk Neupert. Da scheint Envio bereits dick im asiatischen Markt verankert: "Winken weitere Folgeaufträge von KEPCO oder anderen asiatischen Versorgern? - Natürlich, wir sind ja weiterhin der einzige Entsorger im Land mit einer Genehmigung zur Behandlung von PCB-haltigen Transformatoren und den PCB-Ölen aus diesen Geräten. An uns führt somit vorerst kein Weg vorbei."
Zwischen 2005 und 2009 beginnt die rumänische Firma Tach Mediu SRL die Geschäfte mit PCB-Entsorgung basierend auf LTR² und nach eigenen Angaben mit Hilfe von Schweizer Kapital (vermutlich aus der Beteiligungsgesellschaft von Neupert in der Schweiz). Seit 2009 läuft auch die Envio-Anlage zur PCB-Verwertung in Südkorea, wobei nicht klar ist, was dort genau "läuft" und was z.B. noch im dortigen Genehmigungsverfahren oder in der Erprobung ist. In Barcelona ist Envio als industrieller Wasseraufbereiter tätig, dort sowohl unter dem Namen Envio wie auch K'vio - ein Partnerunternehmen, das in Dortmund auf dem Envio-Gelände durch Tatjana Hancke geleitet wird, die wiederum Aufsichtsratsvorsitzende bei der Envio AG ist und wie Neupert ehemalige ABB-Managerin ...

 

Envio und die Lokalpolitik

Wie gut die Kontakte zur lokalen Politik sind, zeigt sich unter anderem Ende 2008, als der Rat der Übernahme des Firmengeländes durch Envio in Erbpacht zustimmt - da hätte es zusammen mit den ersten auffälligen Giftfunden schon erste Zweifel geben können. Die tauchen auch 2009 nicht auf, im Gegenteil: Im Dezember 2009 übergibt der Grüne Wilhelm Steitz in seiner Funktion als Umweltdezernent der Stadt Dortmund der Envio AG den "Ökoprofit-Preis" - sichtbares Zeichen nachhaltigen und innovativen Wirtschaftens sowie sauberer Kontakte auch in der lokalen Politik. Für die Lokalpolitik sind Firmen, die so sauber wie Envio wirtschaften, so wichtig, dass der Dortmunder Oberbürgermeister Sierau im Mai 2010 über den Giftskandal den Industriestandort Dortmund gefährdet sieht.

 

Zweifel an der LTR²-Technologie des Börsenlieblings

Noch im März 2010 überschlagen sich die Aktionärsseiten im Web angesichts der hervorragenden Zahlen von Envio. Im Mai 2010 schließt die Bezirksregierung Arnsberg den Dortmunder Standort. Am 8. Juni 2010 melden einschlägige Börsennachrichten: "Murphy & Spitz verbannt Aktie aus Umweltfonds". Deutlich wird das Deutsche Anlegerfernsehen (DAF, Hot Stocks): Nicole Vormann, Leiterin Nachhaltigkeits Research bei Murphy & Spitz, berichtet davon, wie sie ab Januar 2010 aufmerksam wurde. Nach Bekanntwerden der erhöhten PCB-Werte besuchte Vormann Envio persönlich. Sie erwartete einen "moderneren Betrieb" vorzufinden. Doch sah es in dem Unternehmen ihren Angaben zufolge nicht "nach dem neuesten Stand aus". "Ich sah, dass man eine zweite Abluftanlage eingebaut hatte ... Da fragt man sich schon, wieso brauchen die denn eine zweite Abluftreinigung, wenn sie so weit unter dem Grenzwert liegen. Das sind Punkte, wo wir geschluckt haben."
Klaus Brandt von der Westfälischen Rundschau berichtet mehrfach von Zweifeln an der Umsetzung der innovativen, umweltfreundlichen LTR²-Technologie. Am 17. Mai 2010 zitiert er Unterlagen, die "Schlampereien bei diversen technischen Defekten im Zuge der Behandlung des krebserregenden Giftes PCB" bezeugen. Die "Schlüsseltechnologie, mit der die Firma weltweit für die umweltverträgliche Entsorgung von PCB wirbt, soll schon seit Jahren nicht mehr im Einsatz sein. ... "Lediglich wenn sich Besucher angekündigt hatten", seien Teile der Produktion verändert und hergerichtet worden - um den Anschein zu erwecken, hier liefe das LTR²-Verfahren. "Unmittelbar nach Beendigung der Vorführung" seien wieder jene Anlagenteile montiert worden, die tatsächlich produzierten" (WR, 14. Juni 2010).