Sonntag, 6. Juni 2010

Envio AG: 20. Mai 2010 - Schließung der Dortmunder PCB-Entsorgung

Dortmunder Hafen: Envio ist 2009 Dortmunder Öko-Vorzeigebetrieb. 2010 ist klar, dass sie ein schmutziges Geschäft mit Giften betreiben.

Envio, das schien bis 2010 eine ehrgeizige Firma mit expansiver Entwicklung: Die Envio AG ist ein Management-Buy-out, eine Ausgründung des ABB-Konzerns, der am gleichen Standort am Dortmunder Hafen bis 2004 im Entsorgungsgeschäft tätig war. Gegründet 2004 steht der seit 2007 börsennotierten Envio AG Dirk Neupert als Vorstandsvorsitzender und Tatjana Hancke als Aufsichtsratsvorsitzende vor. Nach eigenen Angaben sind 2008 am Dortmunder Unternehmenssitz 40 Mitarbeiter beschäftigt, der Umsatz beträgt 2008 10,129 Mio €.

 

Umweltdienstleister Envio: Ehrgeizige Pläne mit internationaler Expansion

Die Envio AG ist auf die Entsorgung von PCB spezialisiert und vermarktet die daraus gewonnenen Rohstoffe, verkauft also "sauberen" Schrott. Dazu zählen Dekontaminierung, Verwertung und Entsorgung PCB-haltiger Transformatoren und Kondensatoren. Die Transformatoren-Entsorgung scheint die Envio AG allerdings etwas zu wörtlich genommen zu haben, denn am 20. Mai 2010 wurde das Unternehmen durch die Bezirksregierung Arnsberg geschlossen: Auf dem Unternehmensgelände waren extreme Giftkonzentrationen von PCB, Dioxinen und Furanen gemessen worden. Envio steht im Verdacht, Hauptverursacher der PCB-Belastungen in der Dortmunder Umgebung zu sein
Dabei sah die Zukunft noch vor wenigen Monaten so rosig aus: Da die Entsorgung von PCB-haltigen Geräten wegen des PCB-Verbots in den nächsten Jahren auslaufen wird, hat sich Envio zum einen die Wachstumsmärkte im Ausland vorgenommen, zum anderen wurde das Geschäftsfeld auf Biogas ausgeweitet.

Die weltweite Ächtung von PCB mit der Stockholmer Konvention zu Persistenten Organischen Stoffen (POP) und ihrer Entsorgung trat erst 2004 in Kraft - damit ist die PCB-Entsorgung international noch lange ein lukratives Geschäft. Folgerichtig sind daher die Expansionspläne von Envio in Richtung Ausland, vor allem nach Osteuropa, in die Türkei und asiatische Länder. In Südkorea betreibt Envio seit 2009 eine Entsorgungsanlage.
Seit September 2009 ist Envio auch im Biogasgeschäft tätig. Das neue Geschäftsfeld umfasst den Bau und Vertrieb von Biogasanlagen für den landwirtschaftlichen Bereich. Im Gegensatz zu Firmen wie Schmack oder Envitec setzt Envio nicht auf die Verwertung von Getreideprodukten, sondern von landwirtschaftlichen Abfällen und Tierkadavern und hat nach eigenen Angaben bereits Aufträge aus Südkorea. Nach den Erfahrungen mit der PCB-Entsorgung sollte es sich ebenfalls lohnen, hierauf einmal einen genaueren Blick zu werfen.

 

Corporate Social Responsibility bei Envio

Mit Corporate Social Responsibility (CSR) übernehmen Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung, zum Beispiel indem sie soziale Projekte unterstützen oder besonderen Wert auf nachhaltiges, ökologisch verantwortungsvolles Wirtschaften legen.
Bei Envio wirkt es nun schon ein wenig ironisch, wenn es auf der eigenen Website heißt: "Für Envio bedeutet CSR verantwortungsbewusstes Handeln gegenüber Aktionären und Kunden sowie gegenüber Mitarbeitern und der Gesellschaft. Auf unsere geschäftliche Praxis übertragen heißt das, neben den ökonomischen Zielen immer auch die ökologische, soziale und ethische Dimension unseres Handelns mit zu berücksichtigen. Nur durch diese ganzheitliche Herangehensweise können wir als Unternehmen nachhaltige Erfolge erzielen. Durch unser Produkt- und Leistungsportfolio im PCB-Entsorgungs- und Biogas-Bereich leisten wir einen wirksamen Beitrag zum Umweltschutz. Im Rahmen des Projekts ÖKOPROFIT haben wir zusammen mit Experten und Beratern ein maßgeschneidertes Umweltmanagementsystem für den Standort Dortmund entwickelt" (Envio-Web).

Envio sponsert(e) auch den Deutschen Kinderhospizverein e.V. und die Verkehrserziehung an Dortmunder Grundschulen. Daneben präsentiert sich Envio als Freund der regionalen Kunstszene: Im Dezember 2009 wurde ein Kunstfoyer eröffnet, das Ausstellungen von Dortmunder Künstlern "einer breiten Öffentlichkeit zugänglich" machte. Inzwischen ist das gesamte Betriebsgelände auch für Kunstliebhaber aber nicht mehr betretbar - Envio fürchtet seit der Eskalation der Enthüllungen um die PCB-Funde unliebsame Besucher.

 

Dortmunds Öko-Unternehmen 2009

Die Envio AG ist ironischerweise der Dortmunder Ökoprofit-Betrieb 2009 - das heißt: das Vorzeigeunternehmen in Sachen Ökologie und Nachhaltigkeit. Der Dortmunder Umweltdezernent Wilhelm Steitz hatte Envio Ende 2009 persönlich mit dem "ÖkoProfit"-Preis der Stadt ausgezeichnet. Kleine Pikanterie nebenbei: Die Urkunde ist von Ullrich Sierau als Oberbürgermeister unterschrieben, obwohl er zu dieser Zeit gar nicht dieses Amt innehatte, da die Dortmunder Kommunalwahl aufgrund des Vorwurfs von Wählertäuschung - der sich auch auf Ullrich Sierau bezog - wiederholt werden musste.

 

Börsen-Liebling Envio

Envio ist lange Zeit Börsen-Liebling. Schadstoff-Recycling und -Entsorgung verspricht ein blendendes Geschäft zu werden: "Die Aktie zählt zu den besten Top-Performern im Entry Standard." Die ARD lobhudelt Envio und hofiert den Envio-Vorstandsvorsitzenden Neupert gleich mehrfach. 2008 titelt das Börsenmagazin "Bei Envio läuft's" und "Mit Giftentsorgung wachsen - Envio macht's vor". Noch im März 2010 überschlagen sich die Börsen-Blätter und Aktienportale vor Begeisterung bei der Aussicht auf satte Gewinne angesichts der übertroffenen Prognosen.
Am 20. Mai 2010, dem Tag der Betriebsstilllegung, stürzt die Aktie aber erst einmal ab und verliert 2/3 ihres Wertes; trotzdem gibt es in den nächsten Tagen weiter Zukäufe. Da war ein großer auf Umwelttitel spezialisierter Finanzinvestor, Murphy & Spitz, aber bereits aus Envio ausgestiegen, wie die Dortmunder Westfälische Rundschau am 5. Mai 2010 berichtete.
Zwar werden auch die Envio-Aktionäre ab Mitte Mai 2010 langsam nervös, wie sich in den Foren zeigt, dennoch gibt es parallel zu den jetzt fast täglich eintreffenden bad news über Envio rätselhafte Aktien-Käufe in größeren Stückzahlen. Wie Aktionäre ticken, zeigt auch die Meldung vom 21. Mai 2010: "Envio AG: Birgt möglicher Betriebsunfall Einstiegschance?"
In den Aktionärs-Foren wird aber heftig über die Konsequenzen diskutiert: "Der Entzug der Betriebserlaubnis erstreckt sich auf die umfangreichen Genehmigungen und Auflagen zur PCB-Entsorgung. Praktisch bedeutet das für Envio eine Neubeantragung dieser Genehmigungen mit allen dafür notwendigen Verfahren. Entscheidender ist aber, das wurde hier ja schon zitiert, ob Envio in einem Strafverfahren verurteilt wird (was bei einer Gefährdung von Mitarbeitern sehr wahrscheinlich ist) und damit die Grundlage für eine Gewerbeerlaubnis-Entziehung gegeben ist. In Dortmund machen die dann nicht wieder auf."

 

Envio-Reaktion auf die Betriebsschließung in Dortmund

Am 01. Juni 2010 veröffentlicht Envio in einer Pressemitteilung, dass der "Unternehmensverbund nicht im Bestand gefährdet" sei, obwohl man davon ausgeht, dass "der operative Betrieb in Dortmund mehrere Wochen oder sogar einige Monate ruhen wird." Die "Operation in Korea" arbeite weiter, außerdem verfüge Envio über "Liquiditätsreserven" für "einen längeren Zeitraum".