Freitag, 18. Juni 2010

Dortmunder PCB-Skandal: Immer noch keine Blut-Ergebnisse zu PCB

PCB-Blutproben liegen bei Institut, dessen Chef meint: "PCB-Grenzwerte am Arbeitsplatz gelten zwar noch, haben aber keine große Bedeutung mehr."

Landesamt LANUV
 Erst die Panne beim Versenden der Bluttests, jetzt - obwohl bis zum 18. Juni 2010 angekündigt - immer noch keine Ergebnisse und das Rätseln über die Arbeit des mit der Blutproben-Auswertung beauftragten Instituts in Erlangen.
Zur Chronologie: In Dortmund wurden am und im Hafengelände, das als Zentrum der Recyclingbranche und Schrottverwertung gilt, erhöhte Werte der Gifte PCB, Dioxine und Furane in Luft, Pflanzen und Staubproben gefunden. Verursacher scheint der PCB-Spezialverwerter Envio zu sein, auf dessen Gelände Proben mit extrem erhöhten Werten an PCBs genommen wurden. Blutuntersuchungen von Mitarbeitern wurden daraufhin angeordnet, der Dortmunder Envio-Standort geschlossen.

 

PCB: Katrastrophale Blut-Werte bei privaten Untersuchungen

Am 10. Juni 2010 hatte die Westfälische Rundschau bereits gemeldet, dass die Blutuntersuchungen, die zwei Envio-Mitarbeiter auf eigene Kosten hatten durchführen lassen, deutlich erhöhte Werte zeigten: Bei PCB 28 das bis zu 50-fache, bei den höherchlorierten PCB-Kongeneren 138, 153 und 180 das Siebenfache der medizinisch tolerierten Grenzwerte.

 

Rätsel: Bislang keine Ergebnisse der Bluttests

So schnell geht es bei den offiziellen Tests nicht. Nachdem sich die Untersuchung der Ende Mai gezogenen Blutproben von Mitarbeitern umliegender Firmen aufgrund von logistischer Inkompetenz verzögert, geht die Pannenserie weiter: Die eine Woche zuvor Mitte Mai entnommenen Blutproben der Envio-Mitarbeiter sind zwar beim Erlanger Institut angekommen, die für die dritte Juni-Woche 2010 ursprünglich angekündigten Ergebnisse gibt es aber noch nicht, wie Klaus Brandt in der Westfälischen Rundschau am 17. Juni 2010 meldet.
Die Auswertung der Dortmunder Blutproben übernimmt das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg. Chef dieses Instituts für Umweltmedizin des Uniklinikums in Erlangen ist Prof. Dr. med. Hans Drexler, der in einem anderen PCB-Skandal bereits schon einmal eine Rolle spielte: Er war Gutachter beim PCB-Skandal 2001 an der Nürnberger Georg-Ledebour-Schule.

 

Institutschef Drexler zu PCBs

In diesem Zusammenhang erläuterte Drexler in der Nürnberger Zeitung seine Einschätzung zur Bedeutung und Auswirkung von niederchlorierten und höherchlorierten PCBs. Demnach sind niederchlorierte PCBs flüchtiger und schneller abbaubar als höherchlorierte. Sie verlassen daher den Körper auch schneller als die höherchlorierten. Deshalb wird sich im Lauf der Zeit das Ansammeln der niederchlorierten weniger stark bemerkbar machen als das der höherchlorierten. Niederchlorierte PCBs sind auch leichter flüchtig aus Baumaterialien, so dass sie eher in der Raumluft zu finden sind und über die Atemwege aufgenommen werden. Höherchlorierte PCBs nimmt man meist über die Nahrung auf. Niederchlorierte PCBs im Blut sind ein Hinweis auf eine akute Belastung, die nicht Jahre zurückliegt oder über die Nahrung erfolgt. "NZ: Die niederchlorierten Werte, die flüchtig sind, sind demnach die interessanten Werte? - DREXLER: Eindeutig. Die höherchlorierten Werte sagen uns etwas aus über die Summenbelastung. Da können wir sagen, was hat der Mensch sein ganzes Leben lang abbekommen?" (Nürnberger Zeitung, 8. August 2001)

 

PCBs "keine große Bedeutung mehr"

Drexler erläutert in diesem Interview sehr anschaulich, wie schwierig es ist, die Auswirkungen von Giften wie PCB nachzuweisen und einzuschätzen, nimmt zugleich die Politik in die Pflicht und wirbt damit für eine differenzierte, intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema. Dazu passt allerdings gar nicht Drexlers undifferenzierter Satz: "PCB-Grenzwerte am Arbeitsplatz gelten zwar noch, haben aber keine große Bedeutung mehr, weil der Stoff seit den 80er Jahren verboten ist".
 
Bei allen Unsicherheiten, die bei der Einschätzung der Auswirkungen verschiedener PCBs berücksichtigt werden müssen, scheint Drexler nicht bewusst zu sein, wie viele PCB-haltige Stoffe sich tatsächlich noch in der Umwelt finden. Der Dortmunder PCB-Entsorger Envio ist hier nur ein aktuelles Beispiel.

 

PCB-Problematik nach wie vor aktuell

Die grundlegende Problematik bei Giftstoffen wie PCB, Dioxinen und Furanen bleibt aber:
  • Sie sind kaum biologisch abbaubar - bis sie "verschwunden" sind, vergehen Jahrtausende bzw. müssen aufwendige chemische Prozesse er- oder viele Untertagelager mit Sondermüll gefüllt werden. In Europa mag die Stockholmer Richtlinie auch schon weitgehend umgesetzt worden sein - in anderen Ländern ist dies nicht der Fall, und nichts hindert Giftstoffe daran, sich über Luftbewegungen/Winde in unsere Richtung aufzumachen.
  • PCB-Sanierungen sind nur in öffentlichen Gebäuden vorgenommen worden - PCBs wurden aber bis zu den 80er Jahren überall in Baustoffen verwendet, also auch in privaten Gebäuden eingesetzt. Umbauten und Sanierungen privater Altbauten berücksichtigen dies aber nicht, politische Vorgaben gibt es hier ebenfalls nicht. Was also noch in Wohngebäuden an Giften schlummert, weiß keiner. Bei eine privaten Sanierung werden die Altstoffe mit normalem Bauschutt entsorgt - und auf Deponien kontrolliert keiner den PCB-Gehalt.
  • Im Bergbau wurden und werden PCB-haltige Werkstoffe und Maschinen verwendet - der Umgang damit wird zum einen untertage kaum kontrolliert, zum anderen verbleiben diese Geräte untertage, wenn es sich nicht lohnt sie "nach oben" zu schaffen. Was da an Grundwasserverseuchungspotenzial lauert, mag man sich gar nicht ausdenken.
  • Das aktuelle Beispiel Envio zeigt: Auch wenn PCB schon lange nicht mehr verwendet wird, die Altmaterialien müssen noch entsorgt werden - und dies sind zum einen hochgefährdete Arbeitsplätze, zum anderen sind dies potenzielle Quellen erneuter Umweltvergiftung (wenn die Entsorgung nicht ordnungsgemäß durchgeführt wird).
Drexler scheint zudem nicht bewusst zu sein, dass höherchlorierte PCBs ein Zeichen für eine "akute Belastung" sein können - dann nämlich, wenn es eine "akute Belastung" mit höherchlorierten PCBs in Gebäuden oder am Arbeitsplatz (wie bei einem PCB-Spezialverwerter) über Jahre hinweg gibt.
Vereinfachende Darstellung der Bedeutung von PCBs im Allgemeinen - eine differenzierte Einschätzung von PCBs, wenn es um konkrete Funde und Analysen geht, die sich "einklagbaren" Wertungen entwindet - da stellt sich schon die Frage, ob ein Institut unter dieser Leitung wirklich geeignet ist, die Dortmunder Blutproben zu analysieren.