Sonntag, 6. Juni 2010

Dioxin-Konzentration und PCB-Gehalte bei Giftfunden in Dortmund

Am Dortmunder Hafen wurden erhöhte Konzentrationen an PCB, Dioxinen und Furanen gefunden. Die Informationen zu Werten und Gefährlichkeit sind aber dürftig.

LANUV

Die Vielfalt der Schadstoffe, die laut Medienberichten im Zusammenhang mit Messungen 2007 bis 2010 in und am Dortmunder Hafen gefunden wurde, ist verwirrend. Welche Chemikalien wurden eigentlich in welcher Konzentration gefunden? Wie gefährlich sind sie?
Um es vorweg zu nehmen: Vollständige Übersichten mit zusammenhängenden und konkreten Daten und Einschätzungen wurden durch die zuständigen Ämter bislang nicht veröffentlicht. Eine übersichtliche Tabelle mit Datum des Fundes/der Messung, den gefundenen Schadstoffen (welche Varianten? welche Gefährdung geht von ihnen aus?), dem Mess/Fundort, den Ergebnissen/Werten existiert bedauerlicherweise nicht. Hinzu kommt, dass sich die in den Medien bekannt gegebenen Zahlen teilweise widersprechen.

 

Bereits 2007 erhöhte PCB-Werte im Norden Dortmunds

Für die Messungen ist das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) zuständig, eine NRW-Landesbehörde. Immissionsmessungen im Jahr 2007 an der Dortmunder Station hatten 2008 erhöhte PCB-Werte zu Tage gebracht, denen das LANUV im Jahr 2008 weiter nachging. Am 16. Januar 2009 meldet das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz eine alarmierende Konzentration von PCB in Grünkohl, der aus den Kleingärten rund um den Dortmunder Hafen stammt. Von Anbau und Verzehr von Grünkohl und Blattgemüse wie Spinat, Mangold, Endivie sowie Zucchini wird danach abgeraten. Unbedenklich sind dagegen laut Lanuv Obst- und andere Gemüsearten, wie z. B. Frucht- und Wurzelgemüse.

2009: Erhöhte Dioxin- und PCB-Werte am und im Dortmunder Hafen
Das LANUV zieht daraufhin im Jahr 2009 Pflanzenproben an 13 Standorten im und am Dortmunder Hafen, deren Analyse-Ergebnisse aber erst 2010 vorliegen. Im Januar werden sie vom LANUV sehr anschaulich mit Karten veröffentlicht:
  • Die Gehalte an Dioxinen und Furanen (PCDD/F) einschließlich des coplanaren dl-PCB bewegen sich demnach an den Referenzstandorten 1 und 2 (siehe Bild unten) zwischen 0,7 und 1,3 ng WHO-TEQ pro Kilogramm Trockenmasse in der Graskultur. An den maximal belasteten Messpunkten 4, 5 und 11 erreichen die Anreicherungen in der Graskultur Werte von 17 bis 21 ng WHO-TEQ pro kg Trockenmasse. Dies ist ein Wert, der deutlich unter dem von der Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung (BBodSchV) festgelegten Maßnahmenwerte bei Dioxinen und Furanen für Kinderspielflächen liegt (100 ng WHO-TEQ pro kg Trockenmasse).
  • Dagegen finden sich sehr hohe PCB-Gehalte von mehr als 50 µg pro Kilogramm Trockenmasse an den Standorten 4, 5, 11, und 13 (siehe Bild unten). Auch diese Werte liegen unter den Richtwerten für PCB, sind allerdings die 10fache Konzentration der als unbedenklich geltenden 5 µgg/kg Trockenmasse, die auch an den lokalen Referenzwerte (Messpunkte 1 und 2) erreicht werden.
Weitere konkrete Analyse-Ergebnisse sind bislang nicht veröffentlicht worden.

 

Die Dortmunder Giftfunde 2010

Das LANUV nimmt Ende April so genannte Kehrproben auf verschiedenen Betriebsgeländen im Dortmunder Hafen. Am 30. April 2010 wurden laut Bezirksregierung Arnsberg in der sog. "Weißen Halle" beim PCB-Spezialverwerter Envio Trafo-Bleche mit dem 150-fachen des PCB-Grenzwerts entdeckt.

Am 20. Mai 2010 veröffentlicht die Bezirksregierung Arnsberg: "Die in den Proben festgestellte PCB-Belastung übersteigt den tolerablen Wert um ein Vielfaches - und dies nicht nur in den Werkshallen, sondern auch auf dem Freigelände. Ebenso wurde eine Belastung mit Dioxinen und Furanen festgestellt." In der Presse (Westfälische Rundschau) heißt es dagegen erheblich konkreter: "48 Gramm PCB pro Kilogramm - die höchste Konzentration sprengt den Richtwert fast um das 1.000-fache." In der Pressemitteilung der Bezirksregierung Arnsberg vom 28. Mai 2010 heißt es dagegen, dass 22 Gramm pro Kilogramm Trockenmasse in der Kehrprobe des Betriebsgeländes der Firma Envio gefunden wurden.

 

Dortmunder Hafen: Neben Envio Schadstoffe bei drei weiteren Firmen

Am 28. Mai 2010 teilt die Bezirksregierung Arnsberg mit, dass als Ergebnis der Kehrproben, die Ende April bei sechs weiteren Firmen im Hafengebiet (neben Envio) durch das LANUV gezogen wurden, eine "eine Nassreinigung der Schrottplätze der Firmen Hittmeyer, Hermstrüwer und Ahle" angeordnet werden muss, obwohl: "Die betroffenen Firmen weisen nicht die Schadstoff-Konzentrationen auf, die auf dem Firmengelände von Envio gefunden worden waren." Eine sibillinische Formulierung. Bei den ebenfalls Ende April besuchten Firmen Cronimet, Interseroh und Possehl Kehrmann wurden dagegen keinerlei auffällige Werte festgestellt.
Die höchste PCB-Konzentration fand sich auf dem Schrottplatz der Firma Hittmeyer mit 324 mg pro Kilogramm – der Grenzwert für die Abfallentsorgung liegt bei 50 mg/kg. Zum Vergleich aber nochmals die bei Envio gefundenen Werte: 22.000 mg/kg. Als unbedenklich gelten 5 µg pro Kilogramm Trockenmasse. Die ebenfalls betroffene Firma Ahle war Envio-Kunde und könnte verseuchten Schrott von Envio erhalten haben. Die Firma Hittmeyer soll genauer überprüft werden, denn die Bezirksregierung geht davon aus, dass Hittmeyer nicht zu den Envio-Kunden zählt, obwohl die Firmenverflechtungen im Dortmunder Hafen-Sumpf anderes vermuten lassen. Arnsberg sucht nun aber nach weiteren Verursachern für die erhöhten Schadstoff-Werte.
Mitte Juni 2010 sollen Ergebnisse der Luft-Schadstoffmessungen vorliegen, Ende Juni/Anfang Juli die Ergebnisse der Blutuntersuchungen.